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Täuferbewegung

 

 

Historischer Überblick

 

Die Täuferbewegung entstand im Zuge der Reformation im radikalen Flügel der kirchlichen Erneuerungsbewegung (siehe Williams 1992, S. 4f). Anders als Martin Luther (1483-1546), Huldrych Zwingli (1484-1531) und andere Reformatoren strebte die täuferische Bewegung nach tiefgreifenderen Veränderungen der Kirche und war gewillt, diese auch ohne Zustimmung der Regierungsgewalt durchzuführen. Weiters vertrat sie die Ansicht, die Kindertaufe sei nicht biblisch – so kam es bald zum Bruch mit den Hauptsträngen der Reformationsbewegung (Comer 2023, S. 340), beispielsweise der lutherischen und der calvinistischen Reform. In den 1520er Jahren in Zürich im Kreis um die Prediger Konrad Grebel (1498-1526) und Felix Mantz (1498-1526) entstanden, gilt die Täuferbewegung als der Vorläufer der heutigen Freikirchen. Zu den wichtigsten Vertreter:innen der frühen Täufertheologie zählen auch Jakob Hutter (1500-1534), Vorsteher der Gemeinden der Täuferbewegung in Tirol und Namensgeber der Hutterer (Pöhlmann/Jahn 2015, S. 134f), sowie Balthasar Hubmaier (1480-1528), welcher wegen seinen für die weitere Täuferbewegung einflussreichen Schriften 1528 in Wien auf der Erdberger Hinrichtungsstätte „Gänseweide“ auf Anordnung des Habsburger Erzherzogs Ferdinand I. hingerichtet wurde (Englisch 1959, S. 62).

 

Obwohl die Täufer:innen von Anfang an – sowohl von katholischen als auch protestantischen Mächten – stark verfolgt wurden, verbreiteten sich die Ideen der Bewegung schnell in ganz Europa, und es entwickelten sich zahlreiche Gemeinschaften, die sich theologisch voneinander unterschieden. Im Jahr 1527 fand die sogenannte „Täufersynode“ (auch „Märtyrersynode“) in Augsburg statt, bei der die Vertretenden der verschiedenen Gruppierungen ein einheitliches Fundament der Täuferbewegung ausarbeiten wollten. Viele Teilnehmende der „Täufersynode“ wurden in den darauffolgenden Jahren unter dem Vorwurf der Verbreitung von Irrlehren verurteilt und hingerichtet (Pöhlmann/Jahn 2015, S. 135). Bis zum 18. Jahrhundert kam es aufgrund der Verfolgung und Vertreibung zur Emigration vieler Gruppen nach Nord- und Südamerika, unter anderem nach Kanada, in die USA, nach Russland und nach Paraguay (Sandrisser 2025).

 

Zu den noch heute bekanntesten frühen Gemeinschaften, die sich aus der Täuferbewegung hervortaten, zählen die Mennoniten und die Hutterer. Erstere sind besonders aufgrund der großen Gemeinschaft der Amischen – einer Gruppierung, deren Mitglieder vor allem in Pennsylvania leben – bekannt, welche sich durch ihre die Modernität ablehnende Haltung sowie ihre konservative und abgeschottete Lebensweise gegenüber der übrigen Gesellschaft abgrenzen (Sandrisser 2025).

 

Zentrale Lehren und Praxis

 

Trotz einiger grundlegender Gemeinsamkeiten bestand die Täuferbewegung schon sehr früh aus vielfältigen Gruppierungen, deren Zusammenkunft und Austausch durch die Verfolgung der Täufer:innen erschwert wurde. So legten beispielsweise die Hutterer und Mennoniten den Fokus auf die kommunale Lebensweise und die Gütergemeinschaft, während bei anderen, wie den Schweizer Täufer:innen, die pazifistische Haltung, oder bei der von Münster ausgehenden Bewegung unter Jan Matthys (ca. 1500-1534) – welcher Münster als das „Neue Jerusalem“ erkannt zu haben meinte – die apokalyptische Ausrichtung und Auflehnung gegen die Obrigkeit im Vordergrund standen (Pöhlmann/Jahn 2015, S. 135-137).

 

Das zentrale Element der Täuferbewegung und der daraus entstandenen Gemeinschaften, ist, dem Namen entsprechend, die Taufe. Anders als die katholische Kirche und die evangelischen Kirchen – und bedeutend für die Scheidung von diesen – lehnen Gemeinschaften, die aus der Täuferbewegung entstanden sind, die Säuglings- bzw. Kindertaufe ab. Nur jene, die sich frei und bewusst zum Glauben bekennen, sollten laut ihnen getauft werden. Aus dem bewussten Bekenntnis zum Leben in der Nachfolge Christi erfolgt die Heiligung, also das Leben im Sinne Gottes (Sandrisser 2025). Viele freikirchliche Gemeinden haben dieses Element übernommen. Ebendiese Ablehnung der Kindertaufe und die stattdessen durchgeführte Erwachsenentaufe zur Aufnahme in die Gemeinschaft waren in den Anfängen der Täuferbewegung Grund für deren Verfolgung und Vertreibung, da sie von anderen christlichen Gemeinschaften als „Wiedertaufe“1 angesehen wurde (Pöhlmann/Jahn 2015, S. 134f).

 

Wie bei Martin Luther steht auch für die Täufer:innen die Bibel im Mittelpunkt und sie praktizieren eine möglichst wörtliche Auslegung der Schrift. Von dieser rührt beispielsweise auch der radikale Pazifismus einiger Gruppierungen her, welcher sich auf die Bergpredigt (Mt. 5,1–7,29) bezieht, in der Jesus zur Liebe gegenüber Feinden und dem Ertragen von Verfolgung aufruft (Pöhlmann/Jahn 2015, S. 134). Auch die Ablehnung des Eides wird aus der Bergpredigt im neuen Testament wörtlich übernommen (Mt. 5,34-37). Typisch für Bewegungen, die aus den täuferischen Ideen hervorgegangen sind, ist auch die Ablehnung einer kirchlichen Ämterhierarchie durch Bezug auf die Lehre Jesu in Mk 10,43-45 und Joh 13,12-17. Weiters lehnen täuferische Gruppierungen in Bezug auf Apg 5,29 und Ti 3,1 eine Unterordnung unter die staatliche Obrigkeit ab, sofern diese nicht mit ihren Vorstellungen von Gottes Willen vereinbar scheint. Ihre Forderung nach einer Trennung von Kirche und Staat und nach Religionsfreiheit war in den ersten Jahrhunderten Mitgrund der Verfolgungen der Täufer:innen. Weitere Merkmale täuferischer Bewegungen sind traditionelle Lebensformen, ein konservatives Familienmodell und in radikaleren Bewegungen auch Asketismus, Anti-Modernismus und teilweise der Rückzug von der als satanisch gesehenen Welt in die eigene geschlossene, als heilig wahrgenommene Gruppe – auch verstärkt ausgelöst durch die lange Geschichte der Verfolgung und der Intoleranz gegenüber den Täufer:innen (Sandrisser 2025). Im Sinne des Schutzes der Gemeinschaft und des Umgangs mit sündigem Verhalten praktizieren täuferische Gemeinschaften auch die „Gemeindezucht“ nach Mt. 18,15-20. Damit ist gemeint, dass die Heiligkeit Gottes in der Gemeinde widergespiegelt werden soll, indem Unmoral und falsche Lehren von ihr ferngehalten, die Gemeinde von der Welt abgesondert und sündigende Mitglieder wieder auf den rechten Weg gebracht werden. Ist es nicht möglich, die Person durch Gespräche davon zu überzeugen, kann es in einem letzten Schritt zum Ausschluss aus der Gemeinde kommen (Plessing 2011, S. 36f).

 

Gemeinschaften in Österreich

 

Die „Mennonitischen Freikirchen Österreichs“ (MFÖ) wurden 1958 gegründet und bestehen mittlerweile aus sechs Gemeinden in Wien, Wels, Gmunden, Linz, Steyr und der Bruderhofbewegung mit zwei Standorten in Retz und Furth. Sie sind Teil der seit 2013 gesetzlich anerkannten Religionsgemeinschaft „Freikirchen in Österreich“ (FKÖ). 2016 zählte die MFÖ ca. 400 Mitglieder und ca. 1000 Anhänger:innen. Sie entstand durch missionarische Familiengruppen aus Nordamerika, die ab 1953 in Österreich versuchten, Fuß zu fassen (Hinkelmann 2016, S. 168f).

 

Zwei „Bruderhof-Gemeinschaften“ der MFÖ mit insgesamt ca. 70 Mitgliedern leben in Retz (gegründet 2019) und Furth (gegründet 2021) in kommunalen, selbstständigen Siedlungen. Die Bruderhofbewegung entstand 1920 durch Eberhard Arnold mit dem Ziel, nach urchristlichem Vorbild zu leben. Nach der Gründung des ersten Bruderhofes in Österreich im Jahr 2019 wurde die Bruderhofbewegung in die MFÖ aufgenommen. In dieser gemeinschaftlichen Lebensform praktizieren die Gläubigen auch die Gütergemeinschaft, die gemeinsame Arbeit innerhalb der und für die Gemeinde und stellen allgemein das Leben in der Gemeinschaft und die Umsetzung der Lehren der Bergpredigt in den Mittelpunkt. Bruderhof-Gemeinschaften in Deutschland und England haben bereits teilweise eigene Wirtschaftsbetriebe, Schulen und Kindergärten, in Furth ist dies auch geplant. Weiters steht die Bruderhof-Bewegung laut eigenen Angaben in einem Spannungsverhältnis zu modernen Technologien, begrüßen diese aber auch teilweise, beispielsweise für Eigenwerbung in den sozialen Medien sowie technische Hilfsmittel für Menschen mit Behinderungen (siehe Website der Bruderhof-Gemeinschaften).

 

Interreligiöse und interkonfessionelle Zusammenarbeit

Bis heute hat die Verfolgung, Vertreibung und Stigmatisierung der Täuferbewegung in dessen Anfangszeit Folgen auf die Gemeinschaften, die aus ihr entstanden. Seit dem 20. Jahrhundert bis jetzt wird sowohl im interkonfessionellen Dialog als auch von Geschichtsvereinen versucht, die Geschehnisse aufzuarbeiten und zu überwinden (Weber 2014, S. 93-99). In einer durch Kardinal Schönborn veranlassten historisch ersten Begegnung wurde 2021 in Gedenken an die Opfer der Verfolgung eine gemeinsame Andacht von Vertreter:innen der Täuferbewegung sowie Katholik:innen begangen (siehe Erzdiözese Wien 2021).

 

Weiters sind die „Mennonitischen Freikirchen Österreichs“ über die FKÖ im „Wiener Rat der Religionen“ vertreten, welcher sich für den interreligiösen Dialog und für ein friedliches und respektvolles Miteinander der verschiedenen Religionsgemeinschaften einsetzt (siehe Freikirchen in Österreich 2026).

 


 

Literatur

 

Comer, Kim: Der Bruderhof unter den Freikirchen in Österreich, in: Wunderli, Armin [Hrsg.]; Mann, Christine [Hrsg]: Die gesetzliche Anerkennung der „Freikirchen in Österreich“, LIT-Verlag, Wien 2023, S. 339-346.

Englisch, Franz: Die alte Hinrichtungsstätte auf der Gänseweide unter den Weißgerbern, in: Verein für Geschichte der Stadt Wien [Hrsg.]: Wiener Geschichtsblätter, Vol. 14, Nr. 3, Wien 1959, S. 60-66.

Erzdiözese Wien: Historische Begegnung im Stephansdom, Wien 19.11.2021, URL: https://www.erzdioezese-wien.at/site/home/nachrichten/article/97895.html (Zugegriffen 10.02.2026).

Freikirchen in Österreich: Rat der Religionen. Unterzeichnung der Grundsatzerklärung im Wiener Rathaus, Wien 04.02.2026, URL: https://freikirchen.at/2026/02/04/rat-der-religionen-2/ (Zugegriffen: 10.02.2026).

Gasper, Hans: Erweckung. Von den Täufern zum Charismatischen Christentum, in: Weltanschauungen – Texte zur religiösen Vielfalt, Nr. 103/104, Referat für Weltanschauungsfragen, Wien 2014.

Hinkelmann, Frank: Kirchen, Freikirchen und christliche Gemeinschaften in Österreich. Handbuch der Konfessionskunde, Böhlau Verlag, Wien/ Köln/ Weimar 2016.

Hofheinz, Marco: Täuferische und nichttäuferische Kirchen in den Herausforderungen einer postchristlichen Gesellschaft. 33 theologische Bemerkungen anlässlich des Jubiläums »500 Jahre Täuferbewegung«, in: Evangelische Theologie, Gütersloh/ München 2025-01, Vol. 85, Nr. 1, S. 36-53.

Plessing, Daniel: Gemeindezucht. Eine Untersuchung zu Theorie und Praxis im Täuferisch-Mennonitischen Kontext, Diplomarbeit, University of South Africa, Pretoria 2011.

Pöhlmann, Matthias; Jahn, Christina: Mennoniten, in: Pöhlmann, Matthias [Hrsg.]; Jahn, Christina [Hrsg.]: Handbuch Weltanschauungen, Religiöse Gemeinschaften, Freikirchen, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 2015, S. 134-148.

Sandrisser, Nils: 500 Jahre Täuferbewegung: Erwachsenentaufe und brutale Verfolgung, in: Sonntagsblatt, München 2025, URL: https://www.sonntagsblatt.de/artikel/glaube/500-jahre-taeuferbewegung-erwachsenentaufe-und-brutale-verfolgung (Zugegriffen: 10.02.2026).

Weber, Kurt: Täufer in Österreich – von den Wiedertäufern des 16. Jahrhunderts bis zu den Freikirchen und Evangelikalen der Gegenwart, Diplomarbeit, Universität Wien, Wien 2014.

Williams, George Huntston: The radical Reformation, Truman State University Press, Kirksville 1992³.

 

Weitere Informationen

 

Österreichisches Katholisches Bibelwerk: Die revidierte Einheitsübersetzung 2016, URL: https://www.bibelwerk.at/bibelausgaben/revidierte-einheitsuebersetzung (Zugegriffen: 10.02.2026).

Website der Bruderhof-Gemeinschaften in Österreich und Deutschland: URL: https://www.bruderhof.de/ (Zugegriffen 10.02.2026).

Website der Mennonitischen Freikirche Österreichs: URL: https://www.mennoniten.at/neu/ (Zugegriffen 10.02.2026).

 

1 "Wiedertaufe“ hier in Anführungszeichen, da die Täufer:innen die Kindestaufe nicht als gültig betrachteten und somit die Erwachsenentaufe in ihren Augen keine erneute Taufe war; siehe Gasper 2014, S. 17.

Autorin

Ella Fischer

 

Praktikantin im Bereich "Kirche im Dialog" der Erzdiözese Wien von Oktober 25 bis April 26


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