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Atheismus, Neuer

Die neuen Atheisten

In Österreich gibt es laut Statistik etwa 1,9 Millionen Menschen „ohne religiöses Bekenntnis“. Das entspricht immerhin 23 Prozent der Gesamtbevölkerung. Für die tatsächliche weltanschauliche Zuordnung dieser Personen gibt es ein weites Feld an Möglichkeiten: Sie können an Religion Desinteressierte, Agnostiker oder Atheisten sein, aber auch einer religiösen oder weltanschaulichen Richtung oder Gruppe angehören, die durch den statistischen Raster nicht erfasst wird. Genaue Zahlen, wie viele Personen sich einer dieser Untergruppen zugehörig fühlen, sind nicht bekannt.

Erkennbar ist, dass immer mehr Menschen mit den christlichen Kirchen nichts mehr zu tun haben wollen. Ebenso steigt die Zahl derjenigen, die dem Christentum nicht nur entfremdet, sondern inzwischen eher von ihm und jeder Art von Religion unberührt sind. Vielfach wachsen die Kinder heran, ohne je in Familie oder Schule mit Religion – im Speziellen der christlichen – in Kontakt zu kommen. Religiöses Allgemeinwissen, das vor fünfzig Jahren noch vorhanden gewesen ist, ist abhandengekommen. Das wird sichtbar, wenn es darum geht, den Sinn kirchlicher Feiertage zu erklären. Viele sehen Weihnachten heute als ein Familienfest, in dessen Mittelpunkt das Schenken steht – der religiöse Hintergrund interessiert sie nicht. Lieder, die zu diesem Anlass gesungen werden, haben ebenfalls in den wenigsten Fällen noch das Festgeheimnis zum Inhalt. So werden kirchliche Feiertage nur als Zeiten der Arbeitsunterbrechung und der Erholung gesehen und geschätzt. Das Verhalten den etablierten Kirchen gegenüber ist in den meisten Fällen nicht feindlich, aber indifferent, desinteressiert.

Die sachliche und unsachliche Kritik

Dennoch machten in den vergangenen Jahren Bücher von sich reden, die von einem atheistischen Standpunkt aus die christliche Religion kritisierten. Diese wurden heftig diskutiert und manchmal auch zu Bestsellern. Ihr Inhalt beschäftigte sich mit dem Glauben an Gott und stand häufig in Zusammenhang mit der Frage, ob das Entstehen und Werden der Welt mit der Theorie der Evolution, des Intelligent Design richtig beantwortet wird oder ob doch der wortwörtlich verstandene biblische Schöpfungsbericht (vgl. Kreationismus) dieses Geheimnis allein gültig erklärt. Grundsätzlich geht es jenen Autoren darum, alles aus der Wirklichkeitswahrnehmung auszuschließen, was sich nicht wissenschaftlich erklären bzw. beweisen lässt. Und Gott lässt sich nun einmal nicht so beweisen wie die Schwerkraft. In diesen Büchern wird jede Art des Glaubens als Aberglaube abqualifiziert.

Die Zunahme an anti-religiösen Werken und Äußerungen kann als Reaktion darauf gesehen werden, dass in den letzten Jahren immer wieder von einer Wiederkehr der Religion und der Spiritualität die Rede war. Bei der Einschätzung der Werke muss man auch mitbedenken, dass die Wurzeln dieses sogenannten „neuen Atheismus“ in den USA liegen. Dort gibt es aus historischen Gründen starke evangelikale, teilweise erklärtermaßen fundamentalistische Bewegungen, die die Verquickung von Religion und Öffentlichkeit in dem Land, das manche „God’s own Country“ nennen, auch problematisch machen. Diese fundamentalistische Form der Ablehnung der Religion ist so eine Reaktion auf die Präsenz einer als aggressiv empfundenen fundamentalistischen Frömmigkeit.

In Europa und damit auch in Österreich ist die Situation eine andere. Hier dominiert vor allem ein praktischer Atheismus, der sich oft genug im freundlichen Desinteresse am Thema Religion äußert, aber keine reflektierte weltanschauliche Positionierung bedeutet und deshalb auch nicht gesellschaftlich wirksam werden möchte. Selbstverständlich gibt es auch hierzulande Personen, die sich auf hohem intellektuellen Niveau „seriös mit dem Thema Religion auseinandersetzen, auf argumentative Schwachstellen bei der Glaubensbegründung hinweisen und Christen an die Konsequenzen der von ihnen vertretenen Positionen erinnern, die […] einen großen Ernst in der weltanschaulichen Debatte verlangen“ (Stefan Orth). Auch ist es verfehlt, jemandem – nur weil er keiner Konfession angehört, Atheist oder Agnostiker ist – den Willen und die Fähigkeit zu ethischem Handeln abzusprechen. Ein derartiges Vorurteil ist zum einen unredlich, zum anderen wird es permanent durch die Lebensrealität vieler an Gott und an Religion desinteressierten Personen widerlegt.

Die aktiven Vereinigungen

Der Freidenkerbund Österreich (FBÖ) wurde 1887 im sozialistisch geprägten Arbeiterumfeld gegründet und forderte (Schul-)Erziehung ohne Religion und die Feuerbestattung. Nach dem Verbot 1933 erfolgte die Neugründung 1948. Richtungsstreitigkeiten machten 1978 einen Neustart notwendig - jetzt mit dem Beinamen „Institut für wissenschaftliche Weltanschauung“. Schwerpunkt ist die Erwachsenenbildung. 2006 bot der Bund neben Atheisten, Agnostikern und säkularen Humanisten auch Freireligiösen eine Mitgliedschaft an. Damit wurde der Faden zu den historischen Ursprüngen der Freidenkerbewegung und zu den englischen Wurzeln hergestellt. (www.freidenker.at)

Die Allianz für Humanismus und Atheismus (AHA) trennte sich 2006 vom FBÖ ab, da sie eine rein atheistische Vereinigung und politisch aktiv sein wollte. AHA umfasst die ehemalige oberösterreichische Landesgruppe des FBÖ, die erst 1988 entstanden ist. Sprecher: Wolfgang Huber. (www.atheisten.at)

Die AgnostikerInnen und AtheistInnen für ein säkulares Österreich (AG-ATHE) sind eine Neugründung des Grünen-Politikers und Biologen Erich Eder aus dem Jahre 2006. Sie fordern die Gleichbehandlung Ungläubiger in öffentlich-rechtlichen Angelegenheiten und streben eine laizistische Gesellschaftsordnung an. Sprecher: Philippe Lorré. (www.ag-athe.at)

Die Giordano-Bruno-Stiftung GBS (Reginalgruppe Österreich) existiert seit 2009. Sie ist kein eigenständiger Verein. Die Anhänger orientieren sich an der deutschen „Stiftung zur Förderung des evolutionären Humanismus“. Diese wurde 2004 gegründet und hat durch ihre klare atheistische Offensive nicht nur die bestehenden Gruppen belebt, sondern auch zur Bildung neuer Initiativen beigetragen. Der Deutschlandsprecher Michael Schmidt-Salomon ist durch einschlägige Buchveröffentlichungen bekannt, der Österreichsprecher Niko Alm durch seine Plakatkampagnen. (www.giordano-bruno-stiftung.at)

Die Initiative Religion ist Privatsache sucht Religion aus öffentlichen Einrichtungen zu verbannen, denn Religion in diesem Raum führe zur Diskriminierung von Konfessionsfreien. Man strengt einen Weg durch alle Rechtsinstanzen an, um ein Kreuzverbot oder die Streichung des Religionsunterrichts vom Lehrplan zu erwirken. Eine eigens eingerichtete „Meldestelle“ gegen religiöse Bevormundung soll entsprechende Diskriminierungsfälle sammeln. Präsident: Michael Franz. (www.religion-ist-privatsache.at)

Die Laizismus-Initiative ist für eine strenge Trennung von Religion und Staat. Es geht um die Aufhebung des Konkordats, das die Kirche privilegiere, und um eine Verfassungsänderung. „Vorübergehend“ soll der Staat das Religionsbekenntnis frühestens im Alter von 14 Jahren aufnehmen. Dh in der Pflichtschule sollte es bis dahin nur einen Ethikunterricht mit religionsgeschichtlichen Aspekten geben. Kontaktperson: Niko Alm. (www.laizismus.at)

Der Zentralrat der Ex-Muslime wurde vor einem Jahr gegründet. Er beklagt die einseitige Wahrnehmung des Staates pro strenggläubige islamische Verbände. Der Verein ist für Aufklärung gegen Ehrenmorde und Zwangsehen und gegen eine falsche Toleranz zB bei Schleier und Minarett. Es geht auch um die Enttabuisierung des Abfalls vom Glauben im Islam. Obmann: Cahit Kaya. (www.exmuslime.at)

Der Zentralrat der Konfessionsfreien (ZrK) ist eine neue Instanz, bei der die genannten säkularen Einrichtungen Mitglied sind. Der Zentralrat versucht sich für die zwei Millionen Österreicher stark zu machen, die formell zu keiner Religionsgemeinschaft gehören. Er fordert, dass nicht nur die Rechte der Gläubigen, sondern in gleichem Umfang auch die der Indifferenten, Uninteressierten und Ungläubigen geschützt werden. Vorsitzender ist Niko Alm. (www.konfessionsfrei.at)

Die aktuellen Kampagnen

Das Volksbegehren gegen Kirchenprivilegien (15. März bis 15. Oktober 2011)
Unterstützer: Niko Alm, Univ.-Prof. Heinz Oberhummer, AG-ATHE, AHA, FBÖ, GBS, Konfessionsfreie und Initiative Religion ist Privatsache. „Nur“ als Mitinitiator sieht sich die Plattform Betroffene kirchlicher Gewalt, die dabei ihr Anliegen für staatliche, dh nicht-kirchliche, Ombudsstellen vertritt. Die oa Vereinigungen erheben neben laizistischen und antiklerikalen auch finanzielle Forderungen wie die, dass der Staat sich viel Geld ersparen könnte, wenn es keine Kirchenprivilegien gäbe. (www.kirchen-privilegien.at)

Die Kampagne Kirchenaustrittsjahr 11.11.2010 bis 11.11.2011
Sie bemüht sich um eine Verlängerung der Austrittswelle, die im Frühjahr 2010 begonnen hat. (www.kirchenaustrittsjahr.org)

Die „Kreuzanfechtung“ in allen öffentlichen Einrichtungen
(www.kreuzdebatte.at)

Die Unterstützungserklärung der Initiative Laizismus im Internet: zurzeit 4723 Personen registriert.

Die Atheisten-Kampagne sucht die säkularen Anliegen in die Öffentlichkeit zu bringen und entsprechende Debatten auszulösen. Die Werbeagentur von Niko Alm, Super-Fi, hat zuletzt ein Plakat zum Thema Religionsfreiheit und Kinder verbreitet, das in den Aufruf mündet: „Lasst und selbst entscheiden!“. (www.buskampagne.at)

Die Atheistische Religionsgesellschaft in Österreich will mit ihrer Gründung Verwirrung erzeugen. Ca. 80 Mitglieder. (www.atheistische-religionsgesellschaft.at)

Atheisten – eine Herausforderung

Kirchen und religiöse Menschen sind am Entstehen des Atheismus nicht unbeteiligt, etwa durch ihr Auftreten, die Art des Umganges mit Kritisch- oder Anders-Denkenden. Schon das Zweite Vatikanische Konzil hat grundsätzlich festgestellt: „Deshalb können an (der) Entstehung des Atheismus die Gläubigen einen erheblichen Anteil haben, insofern man sagen muss, dass sie durch Vernachlässigung der Glaubenserziehung, durch missverständliche Darstellung der Lehre oder auch durch die Mängel ihres religiösen, sittlichen und gesellschaftlichen Lebens das wahre Antlitz Gottes und der Religion eher verhüllen als offenbaren“ (Gaudium et Spes, Nr. 19).

Der Atheismus ist eine Anfrage an uns und unseren Glauben. In Gesprächen mit Menschen, die dem Glauben skeptisch gegenüberstehen, kann es vorkommen, dass der eigene Glaube und das Gottesbild grundlegend hinterfragt werden. Auch die Lebensführung dieser Personen wirft dadurch, dass sie sich von der eines gläubigen Menschen häufig nicht sehr unterscheidet, Fragen auf. „Die provokante ,martyria‘ der Nichtreligiösen besteht nun darin, dass es sich offensichtlich auch ohne Gott gut leben lässt und dass sie ,Religion nicht brauchen‘. Das kann Christen als Warnung vor einer Funktionalisierung von Religion (zum Beispiel als Werte-Lieferantin) und besonders vor einer Instrumentalisierung Gottes dienen. Hier treffen sich die Einwürfe der Nichtreligiösen mit der Kritik von Meister Eckhart an der Milch-und-Käse-Frömmigkeit (das heißt: Gott aus Eigennutz zu lieben wie man eine Kuh als Lieferant für Milch und Käse schätzt) oder mit der Forderung der Teresa von Ávila, wir sollten nicht die Tröstungen Gottes, sondern den Gott des Trostes suchen. […] Atheisten und vor allem religiös Indifferente machen auf die Unerfahrbarkeit, Unbegreiflichkeit und Nichtinstrumentalisierbarkeit Gottes aufmerksam und problematisieren damit die oft unvorsichtige Rede der Gläubigen von, religiösen Bedürfnissen‘ und ,Gotteserfahrungen‘“ (Eberhard Tiefensee).

Stefan Orth, Schreckgespenst neuer Atheismus, in: Herder Korrespondenz, 64. Jahrgang (2010), Heft 1, S. 1-3.

Eberhard Tiefensee, Anerkennung der Alterität. Ökumene mit den Religionslosen, in: Herder Korrespondenz spezial 1-2010, Versöhnt verschieden?, S. 39-43.

(Johannes Sinabell/Wolfgang Mischitz)




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