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Satanismus
Der Teufel hat in unseren Tagen Hochkonjunktur. Wohl kaum ein Thema weckt solch starke Emotionen, bündelt Ängste und Befürchtungen wie der Satanismus. Medien wissen, dass die Quote stimmt, wenn sie Satanismus als Aufmacher ganz groß herausbringen. Da werden kurzerhand suizidäre Jugendliche und ihre Verzweiflungstaten mit dem Teufel in Verbindung gebracht. Friedhofsvandalismus und Kirchenschändungen gehen auf das Konto seiner Jünger. Mord, Totschlag und Vergewaltigungen geschehen im Namen Satans. Da wird ein Thema aufgebauscht, das damit nur am Rande zu tun hat. Hauptsache ist, der Bericht schockt. Die eigentlichen Probleme bleiben aber unbearbeitet. Auf der anderen Seite warnen diejenigen, die die zerstörerische Kraft des Bösen selbst erfahren haben, vor einer Verharmlosung dieses Themas. Der goldene Mittelweg zwischen Spekulation, Übertreibung und Dramatisierung auf der einen Seite und Beschwichtigung sowie Verharmlosung auf der anderen Seite muss gefunden werden. Dies ist umso schwieriger, da der Satanismus sich weitgehend im Geheimen abspielt. Außenstehende haben naturgemäß keinen Einblick in die inneren Zusammenhänge okkulter Kleingruppen.

Was ist Satanismus? - Eine erste Annäherung

Eine erste Feststellung lautet: Satanismus ist ein sehr schillernder Begriff  und von seiner Philosophie und Weltanschauung her beurteilt kein einheitliches Denkgebäude. Satanismus besteht in einer Vielzahl von Vorstellungen und Seinsarten .Die unterschiedlichsten Traditionen, von altägyptischen  Mythologien über Kelten- und Wiccakulte, gnostischem Gedankengut, Voodoo-Praktiken und kabbalistischer Zahlenmagie, werden im modernen  Satanismus gemischt und in neue, ausgeklügelte Systeme gebracht.
Eine zweite Prämisse des Satanismus muss zur Kenntnis genommen werden: In  der Philosophie und in der Praxis vieler satanistischer Systeme geht es in erster Linie nicht um die Anbetung oder Anrufung des personifizierten Teufels, sondern um die "Selbstvergottung" des Menschen.

Richtungen und Typologien des Satanismus

Wie kann man diese Vielfalt ordnen?  Der Schweizer Religionswissenschaftler und Sektenexperte Prof. Dr. Georg Schmid geht von einem hypothetischen (experimentellen), von einem religiösen (ideologischen) und von einem pathologischen Satanismus aus.

Hypothetischer Satanismus:

Die Existenz Satans ist nur eine Hypothese, die angenommen wird. Der experimentelle Satanismus dient in erster Linie anderen Zwecken. Man spielt und experimentiert mit Satan um andere Ziele zu verfolgen. Dazu zählt die vor allem bei Jugendlichen als Freizeitbeschäftigung vorkommende satanistische Betätigung. Sei es, dass die Idee aufkommt, in der Nacht auf dem Friedhof den Teufel anzurufen oder ihn während einer spiritistischen Sitzung erscheinen zu lassen. Hier steht die Suche nach Spannung und Neugier im Vordergrund.
Satanistische Versatzstücke sind auch wichtige Bestandteile der Metallmusikszene. Cover und Texte mit satanistischen Inhalten und Symbolik steigern in erster Linie die Verkaufszahlen der Tonträger und geben weniger Auskunft über die Weltanschaung der Musikgruppe oder der Hörer.
Das provokante Tragen von und Hantieren mit satanistischen Symbolen fällt ebenso in diesen Bereich. Es kann Ausdruck der Sehnsucht nach Aufmerksamkeit sein aber auch Protest gegen die Erwachsenenwelt. Die Provokation kann aber auch ein Hilfeschrei sein, die auf eine Lebenssituation aufmerksam macht, aus der man sich nur durch Flucht in eine "satanistische Welt" befreien kann.
Immer geht es hier nicht eigentlich um Satan, sondern um anderes. Der Satanismus ist nur die Fassade hinter der sich eine andere Idee oder Problem verbirgt.

Religiöser Satanismus

Dem ideologischen Satanismus liegt ein mehr oder minder geschlossenes weltanschauliches System zugrunde, das ihre Vertreter auch mit intellektueller Überzeugungskraft vertreten. Kennzeichnend für diese Form sind der Einsatz von liturgischen Ritualen und magischen Handlungen. Auffallend ist, dass nicht "Satan" als Gott angesehen und verehrt wird, sondern der Mensch der eigentliche Gott ist. Die magischen Rituale dienen dieser Selbstvergottung.
Für diese Form des Satanismus ist die Person des Okkultisten und Schwarzmagiers Aleister Crowley (1875-1947) eine wichtige Gestalt. Das von ihm stammende "Gesetz von Thelema", das den eigenen Willen zum absoluten Gesetz erhebt, ist bis heute bei vielen Gruppen und Organisationen das ideologische Leitmotiv.

Das Gesetz von Thelema

  • Das Gesetz des Starken: Das ist unser Gesetz.
    Und die Freude der Welt.
    Tu was du willst, soll sein das ganze Gesetz.
    Du hast kein Recht als deinen eigenen Willen zu tun.
    Tue den, und kein anderer soll Nein sagen.
    Jeder Mann und jede Frau ist ein Stern.
  • Der Mensch hat das Recht zu essen
    was er will,
    zu trinken was er will
    zu wohnen wo er will,
    zu reisen auf dem Antlitz der Erde
    wie er will.
  • Der Mensch hat das Recht zu lieben wie er will; auch erfüllet euch nach dem Willen in Liebe,
    wie ihr wollt, wann, wo und mit wem ihr wollt.
  • Es gibt keinen Gott außer dem Menschen
    Der Mensch hat das Recht nach seinem
    eigenen Gesetz zu leben
    Zu arbeiten wie er will
    zu spielen wie er will
    zu ruhen wie er will
    zu sterben wann und wie er will.
  • Der Mensch hat das Recht zu denken was er will
    zu sagen was er will
    zu schreiben was er will,
    zu zeichnen, malen schnitzen, ätzen, gestalten und bauen wie er will.
    sich zu bekleiden wie er will.
  • Der Mensch hat das Recht all diejenigen zu töten, die ihm diese Rechte zu nehmen suchen.
    Die Sklaven sollen dienen.
    Liebe ist das Gesetz. Liebe unter Willen!

Ein anderer Zweig geht auf Anton Szandor LaVey zurück, der 1966 in Kalifornien seine "Church of Satan" gründete. LaVey ist Rationalist. An einen Teufel glaubt er nicht. Satan ist für ihn ein Symbol für die Umkehrung ethischer Prinzipien, eine Chiffre für die Auflehnung gegen den moralischen Konsens der Gesellschaft. Der Inhalt seiner neuen Moral ist ein ungebremster Egoismus, der sich durch nichts eingrenzen lässt. Einziges Ziel ist das eigene Wohlergehen.

Die neun satanischen Grundsätze von A. S. LaVey

  1. Satan bedeutet Sinnesfreude anstatt Abstinenz!
  2. Satan bedeutet Lebenskraft anstatt Hirngespinste!
  3. Satan bedeutet unverfälschte Weisheit anstatt heuchlerischen Selbstbetrug!
  4. Satan bedeutet Güte gegenüber denjenigen, die sie verdienen, anstatt Verschwendung von Liebe an Undankbare! 
  5. Satan bedeutet Rache anstatt Hinhalten der anderen Wange! 
  6. Satan bedeutet Verantwortung für die Verantwortungsbewussten anstatt Fürsorge für psychische Vampire! 
  7. Satan bedeutet, dass der Mensch lediglich ein Tier unter anderen Tieren ist, manchmal besser, häufig jedoch schlechter als die Vierbeiner, da er aufgrund seiner "göttlichen geistigen und intellektuellen Entwicklung" zum bösartigsten aller Tiere geworden ist. 
  8. Satan bedeutet alle sogenannten Sünden, denn sie alle führen zu psychischer, geistiger oder emotionaler Erfüllung! 
  9. Satan ist der beste Freund, den die Kirche jemals gehabt hat, denn er hat sie die ganzen Jahre über am Leben erhalten!

Pathologischer Satanismus

Im Dunstkreis des Satanismus finden immer wieder Straftaten statt, die von psychisch labilen oder kranken Personen begangen werden. Die Frage, welche sich in solchen Fällen stellt, ist die nach Ursache und Wirkung: Begründen sich Straftat und satanistische Betätigung zu gleich in der problematischen psychischen Konstitution des Täters, oder gehen Straftat und psychische Veränderung auf die satanistische Betätigung zurück. In diesen Zusammenhang ist auch auf Personen hinzuweisen, die ihre Verbrechen nach Außen hin satanistisch  begründen und mystifizieren
Zusammenfassend lässt sich sagen, dass im pathologischen Satanismus die psychische Problematik manifest ist, wohingegen die satanistische Betätigung sich als marginal erweist.

Vom Umgang mit dem Satanismus

Hier möchte ich unterscheiden zwischen dem singulären Fall und Satanismus als gesellschaftlichen Problem. Für von Satanismus Betroffene, sei es Austiegswillige oder  auch Angehörige gibt es in Österreich ein Netz von kirchlichen, staatlichen und auch privaten Beratungsstellen, in denen Ihnen geholfen wird. Bei der Beratung von Angehörigen ist es immer notwendig abzuklären, ob die satanistischen Praktiken nicht andere Probleme überdecken, die gelöst gehören
Von großer Bedeutung erscheint mir die Auseinandersetzung, die auf gesellschaftlicher Ebene stattfinden muss. Auch wenn der Satanismus im Vergleich zu anderen Anbietern im "neureligiösen Supermarkt" immer noch ein zahlenmäßig kleines Phänomen darstellt, -gesicherte Zahlen sind nicht vorhanden- erscheint mir eine Auseinandersetzung, die nicht in der Bekämpfung von äußeren Erscheinungsformen stehen bleibt, sondern sich dem hinter diesen Erscheinungsformen stehenden Welt- und Menschenbild zuwendet, angebracht.
Tenor der satanistischen Ideologie ist das fast euphorische Lob der Herrschaft des Menschen über den Menschen. Im Satanismus wird der Egoismus, die Gewalt, die Durchsetzungskraft des Starken zur kultischen Verehrung gebracht.
Hält der Satanismus mit dieser Verehrung unserer industrialisierten und leistungsorientierten  Gesellschaft nur einen Spiegel der Verhältnisse vor, oder  können wir als Gesellschaft dem Satanismus unsere humanistischen und christlichen Werte  wie Solidarität, Nächstenliebe, Schutz des Schwächeren und die Unantastbarkeit der Würde der Person entgegenhalten?

Weiterführende Literatur:

Schmid Markus, Satanismus, Nr.77/1997 - Teil der Werkmappe "Sekten, religiöse Sondergemeinschaften, Weltanschauungen", Wien 1997
Ruppert Hans Jürgen, Girzikovsky Andreas, Jugendsatanismus, Nr. 81/1999 - Teil der Werkmappe "Sekten, religiöse Sondergemeinschaften, Weltanschauungen", Wien 1999
 

(Stefan Lorger-Rauwolf)




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