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Spiritismus

Gläserrücken

Die Szene ist bekannt, und vermutlich haben sie auch schon viele erlebt: Eine Personengruppe sitzt um einen Tisch versammelt. Der Raum ist abgedunkelt. Kerzen sind vorbereitet. Ein Glas steht auf dem Tisch. Kleingeschnittene Zettel mit den Buchstaben von A bis Z liegen willkürlich angeordnet im Kreis. Die Beteiligten legen je einen Zeigefinger auf das Glas in der Mitte, möglichst ohne Druck. Das Experiment kann beginnen. Nach einer kurzen Einführung wird ein allfällig anwesender Geist angesprochen. Schon nach wenigen Minuten beginnt, - in der Regel, - das Glas in Bewegung zu geraten. Ein Buchstabengemisch entsteht. Nun kann der Geist angesprochen werden. Er "antwortet" nun auf die gestellten Fragen entweder mit JA oder NEIN, je nachdem, in welche Richtung sich das Glas bewegt. Soweit das Experiment.

Begriff

Spiritistische Methoden gibt es viele. Geister werden mit Hilfe komplizierter Rituale oder unter Verwendung von "geheimnisvollen" Apparaten gerufen. Dahinter steckt die uralte Sehnsucht des Menschen, die Grenzen des Jenseits zu überwinden und Antworten von Verstorbenen zu erhalten. Der Spiritismus ist uralt und in allen Kulturen zu finden. Der Begriff "Spiritismus" wird vom lateinischen 'spiritus' (Geist) abgeleitet und ist eine Sammelbezeichnung für eine im 19. Jahrhundert entstandene philosophisch-religiöse Bewegung.

Geschichte

1848 hören der methodistische Farmer John D. Fox und seine beiden Töchter Margaretta und Catherine in ihrem Haus in Hydesville/USA unerklärliche Klopfgeräusche. Sie erhalten auf das Klopfen hin auch Antworten des angeblichen Geistes eines im Haus ermordeten Kaufmanns. Eine ein Jahr später erfolgte öffentliche Demonstration erzielt bei Presse und Öffentlichkeit enorme Wirkung: innerhalb von wenigen Jahren entsteht eine populäre Bewegung, die bereits 1855 etwa eine Million Amerikaner von der Existenz von Geistern und der Möglichkeit, mit ihnen in Kontakt treten zu können, überzeugt. Dazu kommt, dass man festgestellt hatte, dass es möglich sei, Menschen in einen "magnetischen Schlaf", also in Hypnose, zu versetzen. Dies wird als Hinweis für eine relative Unabhängigkeit der menschlichen Seele vom Körper gedeutet. Publikationen über "Hellsehen", "inneres Schauen" und "Geisterkunde" folgen auch bald in Europa. Geistersehen und Jenseitsreisen "besonders begabter Menschen", die man als "Medium", also als eine Art Mittler zwischen der sichtbaren und der unsichtbaren Welt, bezeichnet, werden bestaunt. Es bildet sich ein Repertoire von Phänomenen heraus, das zum festen Bestandteil spiritistischer Sitzungen gehört: Trancereden, automatisches Schreiben, Klopfgeräusche, Bewegen von Tischen und anderen Gegenständen durch "Geisterhand", das Erklingen von Musik und Stimmen, Lichterscheinungen, kalte Luftzüge und "Materialisationen" von Körpern oder "Ektoplasma" (eine feinstoffliche Substanz).
Die "Deutsche Spiritistische Bewegung" bezeichnet sich als "beobachtende Wissenschaft und philosophische Lehre, die Beziehungen mit der Geistigen Welt erforscht und alle Fragen, die sich aus diesen Beziehungen ergeben, umfasst." (Allan Kardec) Die Philosophie des Spiritismus fragt nach der Existenz der Seele und nach einem Weiterleben nach dem Tod. Die Vertreter der Spiritistischen Bewegung distanzieren sich von okkultistischen Lehren und magischen Praktiken. Ebenso wenig sehen sie sich als religiöse Bewegung.

Spiritistische Lehre

Nach Allan Kardec gibt es folgende Grundwerke, die die von höheren Geistern geoffenbarten Prinzipien und Gesetze enthalten:

  • Das Buch der Geister
  • Das Buch der Medien
  • Das Evangelium im Licht des Spiritismus
  • Die Genesis

Allan Kardec ist das Pseudonym für Prof. Hippolyt Léon Denizard Rivail, geb. 1804 in Lyon, gest. 1869 in Paris. Er war Schüler Pestalozzis und gründete in Paris ein pädagogisches Institut. Als die Welt 1850 mit spiritistischer Literatur über die amerikanische Familie Fox überschwemmt wurde, wandte er sich diesem Gebiet zu. Er glaubte unter dem Namen Allan Kardec zur Zeit der Druiden als Bauer in der Bretagne gelebt zu haben. Unter "Mitwirkung" der Geister von Sokrates, des hl. Augustinus, Martin Luthers, des hl. Ludwigs und Napoleons schrieb er eine Reihe von Büchern und gilt als der Begründer der westlichen Lehre der Reinkarnation (Wiedergeburt). Seine Bücher hatten enormen Erfolg, zeitweilig sammelte er mehr als eine Million Anhänger hinter sich.
Der Spiritismus offenbart - nach Eigendefinition - neue Konzepte über den Menschen und alles um ihn herum. Er beruht auf allen Bereichen des Wissens, der Aktivitäten und des Verhaltens des Menschen und öffnet ein neues Zeitalter für die Erneuerung der Menschheit. Außer der körperlichen Welt gibt es die geistige; in anderen Welten existieren verschiedene Wesen in unterschiedlich entwickelten Ebenen. Der Mensch wird als "inkarnierter" (einverleibter) Geist in einem materiellen Körper gesehen. Der "Perisprit (Geisterhülle) ist ein halbmaterieller Körper, der den Geist mit dem materiellen Körper verbindet. Die Geister sind die intelligenten Wesen der Schöpfung, sie bilden die geistige Welt, die vor jedem physischen Dasein gewesen ist und alles Materielle überdauern wird. Sie wurden einfach und unwissend erschaffen und entwickeln sich intellektuell und moralisch, indem sie von einer niederen zu einer höheren Ebene aufsteigen, bis sie die Vollkommenheit erreicht haben, wo sie eine unveränderliche Freude genießen. Es gibt eine Beziehung zwischen den Geistern und den Menschen. Die guten Geister beeinflussen uns zum Guten, die schlechten zum Schlechten. Die Moral und Lehre Christi wird akzeptiert. Die Praxis der christlichen Moral als Lösung für alle menschlichen Probleme und das zu erreichende Ziel der Menschheit bezeichnet. Der Spiritismus lehnt aber sonst jeden christlichen Praxisvollzug ab: Es gibt keine Sakramente, keine Priester, keine Altäre, keine Vergebung der Sünden, etc.

Pendeln

Das Pendel stellt eines der beliebtesten Hilfsmittel dar, Entscheidungen herbeizuführen. Es wird eingesetzt, um Kontakte mit Geistern herzustellen, Krankheiten zu diagnostizieren, Verschwundenes wiederzufinden, die Zukunft vorauszusagen, den richtigen Partner zu erkennen oder "Wasseradern" zu orten. Und immer wieder scheint es zu funktionieren! Die Ursache liegt darin, dass unwillkürliche Muskelbewegungen die Ursache für das Ausschlagen sind. Ein von den meisten Menschen vermuteter "Ruhezustand" ist nicht zu erreichen.Einzelne Muskelfasern sind immer angespannt, was sich auch durch messbare elektrische Erregungsimpulse beweisen läßt. Auch durch den langen Hebelarm der Pendelschnur kommt es bei winzigen Bewegungen zu deutlich erkennbaren Schwingungen, wie Aufnahmen von Hochgeschwindigkeitskameras belegen. Man kennt die Wirkung der Aufschaukelung bei Militärkolonnen, die auf Brücken den Gleichschritt einstellen müssen, um die Brücke durch Mitschwingungen nicht zum Einsturz zu bringen.
Hinzu kommt noch das, was man in der Psychologie das "Gesetz der ideomotorischen Bewegungen" oder den "Carpenter-Effekt"nennt. Vereinfacht heißt das: Jede Vorstellung einer Bewegung bewirkt auch diese Bewegung mit.

Verbreitung

Am verbreitetsten ist die spiritistische Bewegung heute in Lateinamerika, besonders in Brasilien, wo die Anhänger in die Millionen gehen. Hier sind auch die Lehren von Allan Kardec (siehe oben!) weit verbreitet. Im Unterschied zum anglo-amerikanischen Lebensraum glauben hier die meisten Spiritisten an die Wiedergeburt. Verschiedene Gruppen in Europa, etwa die "Greater World Christian Spiritualist League" mit rund 460 Kirchen oder die "Geistige Loge Zürich" zeigen typische Merkmale des Offenbarungsspiritismus.

Anmerkungen

Es gibt tatsächlich Phänomene, die heute vorläufig noch nicht geklärt werden können, die aber nichts mit Geistern oder jenseitigen Wesen zu tun haben, sondern von einem noch unbekannten seelischen Vermögen eines Mediums abhängig sind. Sehr oft spielt Einbildung, Selbsttäuschung oder Betrug des Mediums eine Rolle. Beispiele dazu gibt es zuhauf. Die Parapsychologie (Lehre von okkulten, seelischen Erscheinungen) vertritt die Meinung, dass sich die spiritistischen Phänomene nicht beweisen lassen. Die Gefahr vor allem für labile Menschen, sehr schnell in Abhängigkeit zu geraten, ist groß. Es kann zwar zunächst tröstlich sein, zu glauben, dass ein lieber Verstorbener nicht ganz verschwunden ist, und man mit ihm Kontakt aufnehmen kann. Wenn allerdings "Botschaften aus dem Jenseits" bedrohlich werden und z.B. schwere Krankheiten oder Schicksalsschläge, Unfälle, u.ä. vorhersagen, kann dies zu schweren psychischen Störungen führen. 

Literatur:
H.Bender, Parapsychologie und Spiritismus;
M. Introvigne, Il channeling, 1989;
E.Issacs, The Fox Sisters and Amerikan Spiritualism, 1983;
E. Senkowski, Instrumentelle Kommunikation, 1989;
Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie, 1990;
Dtsch. Spiritistische Bewegung, 2002;
G.O.Schmid, Evang. Infostelle 2002;
DSB, Spiritistische Lehre oder Spiritismus, 2002.

 

(Bernhard Dobrowsky)




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