Offiziell bloß Privatoffenbarungen...Die katholische Kirche zählt die Marienerscheinungen zu den Privatoffenbarungen. Das bedeutet, dass selbst die von der kirchlichen Autorität (meist vom zuständigen Ortsbischof) anerkannten nicht glaubensverbindlich sind, auch dann nicht, wenn sie - wie z. B. die Erscheinungen von Lourdes und Fatima - von der Gesamtkirche durch eigene liturgische Gedenktage gefeiert werden. Die Anerkennung bedeutet nur, dass die Erscheinungen keine Widersprüche zur kirchlichen Lehre enthalten und dass das Zeugnis der Seherinnen und Seher menschlich glaubwürdig ist. Der übernatürliche Ursprung der Geschehnisse ist in diesen Fällen für die Kirche zwar wahrscheinlich, aber dafür besteht auch durch die kirchliche Anerkennung keine Garantie, und ein katholischer Christ kann aus guten Gründen diese Einschätzung nicht teilen, ohne sich deswegen aus dem Raum des kirchlich Zulässigen zu entfernen. Auch das positive Urteil darüber, dass die Inhalte der Botschaften einer Erscheinung mit der kirchlichen Lehre übereinstimmen, ist nicht unfehlbar und deswegen kritisierbar
...aber nicht selten mit hohem gesamtkirchlichen AnspruchDieser recht restriktive kirchliche Standpunkt steht freilich in einer mehr oder minder großen Spannung zu dem, was manche Seherinnen und Seher über die Erscheinungen bezeugen und wie ihr Zeugnis von vielen verstanden wird. So wenden sich etwa die Botschaften von Fatima an die ganze Kirche: Überall sollten bestimmte Andachtsformen gepflegt werden, um dadurch Seelen, die sonst in die Hölle kämen, zu retten; der Papst solle Russland an das unbefleckte Herz Marias weihen; wenn das nicht geschehe, werde Russland seine Irrtümer über die Welt verbreiten und ein neuer Krieg über die Welt kommen. Nach dem Bericht der Seherin Lucia sprach Maria mit selbstverständlicher keinen Zweifel duldender Autorität, und wenn jemand an diese Botschaft und ihre Dringlichkeit glaubt, wird er sich schwer tun zu ertragen, dass ein Mitchrist der ganzen Sache skeptisch gegenübersteht.
Offiziell dem Glauben nachgeordnet...Als Privatoffenbarung ist nach kirchlicher Lehre eine Marienerscheinung grundsätzlich der von der Kirche verkündigten öffentlichen Offenbarung nachgeordnet und kann für den Glauben an den in Jesus sich offenbarenden Gott nur eine - für manchen Menschen vielleicht entscheidende - Hilfe sein. Dieser Glaube steht aber auf einer anderen Ebene und ist grundsätzlich von Privatoffenbarungen unabhängig.
...aber subjektiv von vielen als Glaubensfundament erlebtSubjektiv erleben das viele Menschen aber anders. Gegenwärtig stellt man das nicht selten bei Anhängern der Erscheinungen von Medjugorje fest: Die besondere Anziehungskraft dieses Ortes steht und fällt mit der Annahme der Echtheit der Erscheinungen, das dortige religiöse Leben bräche weitgehend zusammen und die Pilgerströme dorthin versiegten, wenn sich herausstellte, dass Täuschung oder gar Betrug vorläge, und das wäre für viele, die dort eine Bekehrung oder einen Neuaufbruch erlebt haben, eine intensive Belastung oder das Ende ihres Glaubens. Es gibt viele Menschen, deren Glaubensüberzeugungen stark von Zügen magischer Engführung geprägt sind und in - ihnen selbst oft gar nicht voll bewusster - Weise von der Annahme der Echtheit von Erscheinungen oder anderer Privatoffenbarungen abhängen. Solche ertragen nur schwer, wenn sie mit Kritik oder gar Ablehnung dieses ihres Glaubensfundaments konfrontiert werden.
Separationstendenzen bei manchen Anhängern von ErscheinungenSo gibt es also einen subjektiven und einen objektiven Grund, der es erschwert, dass sich manche Menschen, die intensiv an Marienerscheinungen glauben, in das Leben einer Pfarre einordnen: Der objektive liegt in der - gar nicht "privaten" sondern - gesamtkirchlichen und gesamtmenschheitlichen Bedeutung, die sich die Botschaften der meisten Erscheinungen selbst geben - Medjugorje ist hier ein wenig subtiler als Fatima -, der subjektive in der besonderen psychologischen Bedeutung der hier gemachten Erfahrungen, mit denen sich im Verständnis der Betroffenen die "gewöhnliche" Glaubenserfahrung nicht messen kann - hier ist Medjugorje derzeit aktueller als Fatima. Das kann dazu führen, dass sich diese Menschen im Besitz einer grundsätzlich tieferen und gültigeren Glaubenserfahrung fühlen als sie denen zubilligen, für die die Erscheinungen wenig oder keine Bedeutung haben, und dass sie informelle Sondergruppen bilden, die das Klima einer Pfarre stark belasten können.
Apokalyptische Momente in den ErscheinungsbotschaftenDie Probleme werden nach der objektiven und der subjektiven Seite verschärft, wenn die Botschaften apokalyptische Züge tragen wie manche kirchlich nicht anerkannte Erscheinungen aber auch das, was man bis zur Veröffentlichung des authentischen dritten Geheimnisses von Fatima im Jahr 2000 dafür hielt. Dieser Text, dessen Herkunft nicht geklärt ist, sagt noch für das 20. Jahrhundert eine große Züchtigung der Menschheit durch Krieg mit neuen furchtbaren Waffen und durch Naturkatastrophen voraus, es wird auch von Missständen in der Kirche bis in ihre höchsten Spitzen gesprochen. Das offizielle dritte Geheimnis, das keine so krassen Töne anschlägt in einer nicht ganz leicht zu interpretierenden Vision besteht, wird interessanter Weise von manchen Kreisen für eine Fälschung und das früher kursierende für echt gehalten - dass es erst nach 2000 erfüllt werde, wird als Gewährung einer letzten Gnadenfrist erklärt. Diese und verwandte apokalyptische Botschaften enthalten eine grundsätzliche Kritik an modernen Entwicklungen in Kirche und Welt, die beide als mehr oder weniger hoffnungslos verdorben und nicht mehr heilbar gelten, und das korrespondiert mit der Mentalität ihrer Anhänger, die an diesen modernen Entwicklungen massives Unbehagen haben oder an ihnen verzweifeln. Voraussetzung dafür ist nicht nur das oben bereits genannte magische Glaubensverständnis sondern auch eine in der Lebensgeschichte und der sozialen Situation der Betroffenen bedingte tiefe existentielle Verunsicherung. Objektiv besteht in diesen Botschaften durch die Ablehnung der bestehenden Kirche die Tendenz, ihre Anhänger aus der Kirche hinauszuführen. Subjektiv klammen sich diese an sie als an ihre einzige Stütze. Kritik daran bedeutet dann eine so grundsätzliche Bedrohung ihrer religiösen Existenz, dass sie darauf nur mit aggressivem Fanatismus und manchmal ans Paranoide grenzenden Argumenten reagieren können.
Was ist zu tun?Für die Theologie sehe die Aufgabe der Klärung des oben genannten Missverhältnisses zwischen dem restriktiven kirchlichen Verständnis einer Privatoffenbarung und ihrem hohen Anspruch. Etwa am Beispiel Fatima: Die Kirche findet das Zeugnis der Seher zwar bloß menschlich glaubwürdig und überlässt so das Urteil dem einzelnen: Wie passt das mit dem hohen Anspruch der Botschaften, an denen Wohl und Wehe von Welt und Kirche hängen soll, zusammen? Freilich stellt sich hier auch die Frage, was genau anerkannt ist: Die bischöfliche Approbation der Echtheit der Erscheinungen erfolgte 1930. Damals war der oben berichtete Auftrag und die Strafdrohung der Erscheinung noch nicht bekannt, sie wurden angeblich zwar bereits 1917 mitgeteilt aber erst 1941 der kirchlichen Autorität übermittelt und 1942 veröffentlicht. Ist das nun auch als authentische Botschaft (samt einer Zukunftsvorhersage) Marias, die wirklich aus dem Jahr 1917 stammt, bestätigt? Man muss das wohl so sehen. Sonst hätte man nämlich diese - freilich nach meiner Meinung höchst problematische - Botschaft nicht veröffentlichen dürfen, außerdem wäre es ja auch um die grundsätzliche Glaubwürdigkeit der Seherin Lucia geschehen. Die grundsätzliche Schwierigkeit von Privatoffenbarungen kann hier nicht diskutiert werden. Nur so viel: Es ist auf alle Fälle darauf zu bestehen, dass die kirchliche Anerkennung nicht bedeutet, dass die betreffende Privatoffenbarung nicht zeitbedingte und theologisch sehr fragwürdige Elemente in sich bergen kann. Das Urteil, sie widerspreche nicht der christlichen Tradition, kann sich nur auf den Kern des Ereignisses beziehen, nicht aber auf die Einzelheiten, die manchmal in erheblichem Widerspruch zum Geist des Evangeliums stehen. Es sollte also auf alle Fälle ernst gemacht werden mit der Herausstellung der bloß relativen Bedeutung, die solche Ereignisse für die Gesamtkirche haben. Auf dieser Grundlage ist dann auch das Gespräch mit denen zu führen, die sie in ihrem religiösen Leben überbewerten. Wenn solche Menschen nicht zum Fundamentalismus oder gar Fanatismus neigen, wird ein Dialog, in dem ihre persönliche Erfahrung - etwa in Medjugorje - nicht weggeredet werden darf, nicht allzu schwer sein. In den genannten anderen Fällen wird er im Allgemeinen höchstens zu Kompromissen führen können, weil der psychologische Hintergrund der Betroffenen ihnen sehr erschwert, ihre Sicht der Dinge wirklich in Frage zu stellen. Selbst eine respektvolle Toleranz Andersdenkender, die sie ja für in einem die für sie selbst absolut entscheidenden Punkt für ungläubig halten, wird ihnen nur schwer möglich sein. Solange es geht, wird man ihnen mit noch größerer Toleranz zu begegnen suchen. Nicht selten wird freilich auch eine eindeutige äußere Grenzziehung notwendig sein.
LiteraturBeinert, Wolfgang; Marienerscheinungen. In: Lexikon für Theologie und Kirche 6, Freibug, Breisgau: 31997, 1369 f.
Bender, Hans: Drittes Weltgeschehen und Endzeit. In: Zukunftsvisionen, Kriegsprophezeiungen, Sterbeerlebnisse. München 1983 (Aufsätze zur Parapsychologie 2, Serie Piper 246). 85 - 121, bes. 103 - 110
Die Botschaft von Fatima, hrsg. von der Kongregation für die Glaubenslehre. Bonn: Sekretariat der deutschen Bischofskonferenz 2000 (Verlautbarungen des apostolischen Stuhls 147)
Fonseca, Luis Gonzaga da: Maria spricht zur Welt. Freiburg, Schweiz: Paulus-Verlag 191988
Hanauer, Friedrich: "Muttergottes-Erscheinungen". Aachen: Fischer 1995
Harder, Bernd: Medjugorje. München: Pattloch 2005
Laurentin, René: Das Geschehen von Medjugorje. Graz: Styria 1985
Rahner, Karl: Visionen und Prophezeiungen. Neuausgabe. Freiburg, Breisgau: Herder 1989
(Bernhard Wenisch)
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