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Die Christengemeinschaft – Bewegung für religiöse Erneuerung in Österreich
Die sich auf Lehrfreiheit berufende Christengemeinschaft (des Weiteren mit CG abgekürzt) hatte sich bei der Gründung das Ziel gesetzt, mit Hilfe der Erkenntnisse der Anthroposophie Rudolf Steiners (1861-1925) und des begabten, liberalen evangelischen Pfarrers Friedrich Rittelmeyer (1872-1938) nicht nur eine neue Kirche zu gründen, sondern neues, modernes Christentum zu repräsentieren.

Entstehung

Auf dem Hintergrund des 1. Weltkrieges, den Wirren der Nachkriegszeit und der Krise der Kirchen stand der liberale evangelische Pfarrer und beliebte Prediger F. Rittelmeyer in Opposition zur evangelischen Kirchenleitung: Er lehnte den Krieg als Auseinandersetzung unter Völkern ab, forderte die Trennung von Staat und Kirche, trat für eine positive Bewertung der Arbeiterbewegung ein. Er setzte sich als Verfechter eines weltoffenen Evangeliums auch mit philosophischen und kirchenkritischen Strömungen seiner Zeit auseinander. Die Beschäftigung mit der Anthroposophie, einer auf übersinnlichen Schau beruhenden Geisteswissenschaft, sowie die Begegnung mit deren Begründer, Rudolf Steiner,  führten zu neuen Erkenntnissen und inneren Einsichten, die schließlich zum Bruch mit der Evangelischen Kirche beitrugen. Diese schicksalhafte Begegnung zwischen Rittelmeyer und Steiner sowie die Anfrage junger evangelischer Theologen an Steiner bzgl. neuer (Er-) Lebensform von Religion führten 1921 zu „theologischen“ Kursen, die ein Jahr darauf  zur Gründung der CG führten: Rittelmeyer zelebrierte den von Steiner kreierten neuen Kultus – die Menschenweihehandlung – und vollzog die Priesterweihe für den Kreis der 45 Begründer.
 

Verbreitung

Rittelmeyer wurde als erster Erzoberlenker geistiger Führer, Stuttgart das Zentrum der CG. Durch den Begründerkreis kam es zur Gründung von Gemeinden in Deutschland und kurz darauf in benachbarte und skandinavische Länder. 1933 entstand das erste Priesterseminar in Stuttgart. 1941 verhängte das NS-Regime ein Verbot über die CG. Nach dem Krieg gelang der Wiederaufbau von Gemeinden sehr rasch; 1948 entstand die erste Gemeinde in Amerika, im Jahr 2000 die erste in Japan. Gegenwärtig ist man um den Aufbau von Gemeinden in Osteuropa bemüht. Die CG existiert in 35 Ländern der Erde und zählt etwa 30000 Mitglieder. Die Zahl der Sympathisanten ist um ein Vielfaches höher.

Entwicklung in Österreich

Der erste Versuch einer Gemeindegründung in Wien im Jahre 1922 durch Kurt Th. Willmann scheiterte. Auf Bitte interessierter Menschen hielten 1927 die Priester der Christengemeinschaft Dr. Rudolf Köhler und Dr. Rudolf Frieling Vorträge über die christliche Erneuerung, die zur Gründung von Gemeinden in Wien und Mödling führten. 1930 gab es schon kleine Gruppen in Graz, Salzburg, Linz und Gmunden. Von 1941 bis 1945 wurde die damals 201 Mitglieder zählende CG als „Sekte“ verboten, Pfarrer Kral für drei Monate inhaftiert. 1946 kam es in Wien zur Gründung des „Verein  der Freunde der Christengemeinschaft“. Der Wiederaufbau der Gemeinden gestaltete sich schwierig, letztlich aber doch bescheiden. Gegenwärtig gibt es vier selbständige Gemeinden mit zumindest einem Pfarrer vor Ort: Wien, Graz, Linz und Salzburg. Die Filialgemeinde in Kärnten wird von Graz aus mitbetreut. Die Zahl der Mitglieder beläuft sich auf etwa 600 Personen, die Zahl der Sympathisanten ist mindestens doppelt so groß.

Neue Kirche

Die CG versteht sich als eine neue, eigenständige christliche Kirche. Die „Christus-Tat“ auf Golgotha wird als das entscheidende Ereignis in der Menschheitsgeschichte bekannt. Die Anthroposophie R. Steiner ermöglicht ein neues Verständnis der christlichen Wahrheit. Dieses ist grundgelegt im neuen Credo, in dem im Unterschied zu den christlichen Kirchen keine persönliche Anrede Gottes vorkommt. Mittelpunkt des religiösen Lebens ist die Menschenweihehandlung, der neue Gottesdienst, der das äußerlich sichtbare Abbild höherer geistiger Vorgänge darstellt.

Lehrfreiheit

In der CG gibt es weder eine Festlegung auf eine verbindliche Lehre noch eine Bekenntnisverpflichtung für die Gläubigen. Sie ist undogmatisch geprägt. Die Feier des Kultus und der Sakramente und die persönliche Verantwortung des freien Christenmenschen genießen hohe Priorität. Die Anthroposophie wird als unverzichtbare Hilfe zum besseren Verständnis der Bibel angesehen; sie gilt als Schlüssel der Einheit von Glaube und Wissen. Die Evangelien werden als „Einweihungsbücher“ (Bock) oder als „Mystische Bilderbücher“ (Frieling) verstanden, denen man sich intuitiv und meditativ annähern sollte.
 
Christus
Laut Credo der CG hat der Heilige Geist „den Sohn der Maria zur Hülle des Christus bereitet“, d.h. nicht Gott selbst wurde wirklich Mensch, sondern das Christusprinzip hat sich eines Menschen als eines irdischen Mediums bedient. Erst in der Taufe am Jordan wird Jesus zum Christus, wahrer Gott und wahrer Mensch zugleich. Durch seinen Tod und seine Auferstehung hat er die Menschheit vom Untergang erlöst, die Wende von der Verstofflichung zur Wiedervergeistigung des Menschen eingeleitet, die durch den entwicklungsgeschichtlich notwendigen Sündenfall verursacht worden ist. Diese Christus-Tat ermöglicht der Menschheit den Weg der Vergeistigung und jedem einzelnen bewusst Christus suchenden Menschen die Verbindung mit ihm, durch die er Leben und Fortbestehen erfährt.

Mensch
Der Mensch ist Bürger zweier Welten: einer übersinnlich-geistigen und einer irdisch-natürlichen. Der Leib wird zwar von den Eltern gezeugt, Seele und Geist jedoch stammen von höheren Daseinsbereichen. Mit der Welt seines höheren Ursprungs verbinde sich der Mensch durch Religion in aktiver Weise. Damit vertritt die CG neben der Lehre der Unsterblichkeit auch die Lehre von der Ungeborenheit (Präexistenz der Seele). Obwohl die Reinkarnationslehre keinen verbindlichen Charakter hat, gilt ihr große Aufmerksamkeit, weil sie auch in einigen Bibelstellen (Mt 11. 17) belegt sei.

Kultus und Sakramente

Der Vollzug und das intuitiv-innige Erleben des Kultus und der Sakramente werden als die höchste gemeinsame Aufgabe betrachtet. Im Zentrum des kultischen Geschehens steht die Menschenweihehandlung; sie gilt als eine Neuoffenbarung aus der geistigen Welt und entspricht dem „Urbild im himmlischen Kultus“ (Schroeder). Die CG kennt zwar wie die katholische Kirche sieben Sakramente, unterscheidet sich aber doch grundlegend im Verständnis: Diese verdeutlichen nämlich den Glauben an die Existenz der Menschenseele vor und nach dem irdischen Leben. Die Taufe wird mit zusätzlichen Substanzen (Salz, Asche) und erweiterten Formeln gespendet; sie wird von den christlichen Kirchen nicht anerkannt. Die Beichte hat den Charakter einer Beratung und Klärung in Schicksalsfragen; eine Absolution von den Sünden wird nicht erteilt. Frauen steht der Zugang zum Priesteramt offen. Eine Wiederheirat ist nach einem klärenden Gespräch möglich.

Organisation

Die Gesamtbewegung ist in rechtlicher und wirtschaftlicher Hinsicht als eine holländische Stiftung („Foundation“)eingetragen, die sich aus der leitenden Priesterschaft und je drei Vertreter der 16 Regionen zusammensetzt.
Die Leitung einer Gemeinde obliegt dem Pfarrer, einer Region dem Lenker. Höchste Autorität haben der Erzoberlenker und zwei weitere Oberlenker, die gemeinsam mit weiteren vier Lenkern im Siebenerkreis die letzte Instanz in Personal- und Disziplinfragen bilden.
Höchstes Gremium der Region Österreich – Tschechien ist die Synode, die sich aus dem Lenker und den Pfarrern zusammensetzt und für die geistlichen Belange verantwortlich zeichnet. Die Landesversammlung setzt sich aus Synodenmitgliedern und Delegierten aus allen Gemeinden zusammen und ist für rechtliche und wirtschaftliche Belange zuständig. Für Verwaltungsangelegenheiten gibt es einen eigenen Gesamtvorstand, für Streitfragen ein Schiedsgericht. Auf der Gemeindeebene fungiert zusätzlich zu Konvent und Vorstand die Mitgliederversammlung. Jede Gemeinde ist für sich ein eigenständiger Organismus, der je nach Größe verschiedene Kreise und  Tätigkeiten entwickelt.
Die Mitgliedschaft kann erst als Erwachsener nach einem klärenden Gespräch mit dem Pfarrer erlangt werden. Die Gemeinden finanzieren sich ausschließlich durch freiwillige Beiträge ihrer Mitglieder oder durch Erbschaften.

Verhältnis zu anderen Kirchen und Religionen

Die CG versteht sich als eine unter den christlichen Kirchen und anerkennt auch die Basisformel des Ökumenischen Rates der Kirchen. In Deutschland gab es Gespräche mit der Evangelischen Kirche bzgl. der Christlichkeit der CG und Anerkennung der Taufe, die bisher ohne Ergebnis blieben. Da die CG auch in Österreich klein strukturiert ist und von den großen Kirchen keine Anerkennung gefunden hat, werden auch keine ökumenischen Dialogbemühungen unternommen. Auch zu anderen Religionsgemeinschaften werden keine offiziellen Beziehungen gepflogen.

Literatur:

Schroeder Hans Werner, Die Christengemeinschaft, Stuttgart 1990

Rittelmeyer Friedrich, Meine Lebensbegegnung mit Rudolf Steiner, Stuttgart 198310

Verein der Freunde der Christengemeinschaft (Hg.), Das Werden einer Christengemeinschaft, Wien 1997

Kaiser Michael, Die Christengemeinschaft, in: Wege zum Heil, hg. von Hirnsberger, Wessely, Bernhard, Theologie im interkulturellen Dialog, Bd. 7, Graz 2001

Krech, Kleiminger (Hg.) i.A. von VELKD, Handbuch Religiöse Gemeinschaften, Gütersloh 20066

Exkurs: Das Bekenntnis (Credo) der CG

Ein allmächtiges geistig-physisches Gotteswesen ist der Daseinsgrund der Himmel und der Erde, das väterlich seinen Geschöpfen vorausgeht.
Christus, durch den die Menschen die Wiederbelebung des ersterbenden Erdendaseins erlangen, ist zu diesem Gotteswesen wie der in Ewigkeit geborene Sohn.
In Jesus trat der Christus als Mensch in die Erdenwelt.
Jesu Geburt ist eine Wirkung des heiligen Geistes, der, um die Sündenkrankheit an dem Leiblichen der Menschheit geistig zu heilen, den Sohn der Maria zur Hülle des Christus bereitete.
Der Christus Jesus hat unter Pontius Pilatus den Kreuzestod erlitten und ist in das Grab der Erde versenkt worden.
Im Tode wurde er der Beistand der verstorbenen Seelen, die ihr göttliches Sein verloren hatten.
Dann überwand er den Tod nach dreien Tagen.
Er ist seit dieser Zeit der Herr der Himmelkräfte auf erden und lebt als Vollführer der väterlichen Taten des Weltengrundes.
Er wird sich einst vereinen zum Weltenfortgang mit denen, die er durch ihr Verhalten dem Tode der Materie entreißen kann.
Durch ihn kann der heilende Geist wirken.
Gemeinschaften, deren Glieder den Christus in sich fühlen, dürfen sich vereinigt fühlen in einer Kirche, der alle angehören, die die heilbringende Macht des Christus empfinden.
Sie dürfen hoffen auf die Überwindung der Sündenkrankheit, auf das Fortbestehen des Menschenwesens und auf ein Erhalten ihres für die Ewigkeit bestimmten Lebens.

(Gerhard Weber)




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