1. GeschichteDie Baptisten sind Kinder des englischen Puritanismus, der eine besonders rigorose Form des Protestantismus darstellt. In dem Bestreben, die Heilige Schrift als alleinige Grundlage für Glauben und Leben gelten zu lassen, kam es gegen Ende des 16. Jahrhunderts in England zur Bildung von Gemeinden, die sich selbständig und unabhängig von Staat und Staatskirche als "Gemeinde der Heiligen" versammelten. Wegen der staatlichen Verfolgung dieser "Separatisten" wanderte 1608 ein ehemaliger anglikanischer Geistlicher, John Smyth, mit einigen Freunden nach Amsterdam aus. Dort kam er zu der Erkenntnis, dass die Taufe nur an Christen, die ihren persönlichen Glauben bekennen, vollzogen werden dürfe. Diese Ansicht übernahmen 1612 die Gemeinden in England. Sie wurden daraufhin "Baptists" genannt.
1642 ging man zu der Praxis über, die Taufe als Abbild von Grablegung und Auferstehung durch Untertauchen zu vollziehen.
In Deutschland wirkte Johann Gerhard Oncken. Seit 1823 arbeitete er als Mitglied der "Continental Society", die im Geist der englischen Erweckungsbewegung dem auf dem Kontinent vorherrschenden Rationalismus begegnete. 1834 wurden die ersten sieben Personen in der Elbe durch Untertauchen getauft.
Nach dem großen Brand von Hamburg (1842) gingen junge österreichische Handwerker dorthin. Sie kamen mit dem Baptisten Johann Gerhard Oncken in Kontakt, traten zum neuen Glauben über und wurden als Missionare in ihre Heimat nach Österreich zurückgesandt. Unter diesen Missionaren waren auch 2 Wiener, Marschall und Hornung. In den von ihnen heimlich organisierten und durchgeführten Hausversammlungen kamen bald neue Miglieder hinzu, darunter Karl und Theresia Wisotzky, die am 28.10.1847 zu den ersten in Wien baptistisch getauften Erwachsenen wurden. 1851 formierte sich ein erster Hauskreis und 1869 wurde in Wien die erste Baptistengemeinde konstituiert.
Nach dem Zweiten Weltkrieg kam es zu einer Belebung der Gemeindearbeit und zur Entstehung neuer Gemeinden: 1948 in Salzburg, 1950 in Bad Ischl, 1959 in Wien-Eßling und 1960 in Linz. 1998 erhielt der "Bund der Baptistengemeinden Österreichs", dem alle Baptisten in Österreich angehören, den Status einer staatlich eingetragenen religiösen Bekenntnisgemeinschaft.
2. LehreDie Glaubensauffassungen der Baptisten lassen sich in sechs Prinzipien charakterisieren:
1. Die Heilige Schrift ist die allein wahre Offenbarung und die alleinige Quelle der Gotteserkenntnis sowie die alleinige Regel und Richtschnur des Glaubens und Lebenswandels.
2. In die Gemeinde werden nur solche Menschen aufgenommen, die ihren Glauben an Jesus Christus für sich selbst bekennen.
3. Die Punkte 1. und 2. haben folgende drei Konsequenzen:
- Ablehnung der Kindertaufe, Anerkennung der Glaubenstaufe Erwachsener, weil nur dort der Zusammenhang zwischen Glauben aus Entscheidung und Taufe gegeben ist.
- Die in der Taufe bezeugte Zugehörigkeit zu Christus muß immer auch eine Zugehörigkeit zu einer christlichen Gemeinde sein.
- Wassertaufe und Geisttaufe gehören ebenso zusammen wie die "Grablegung des alten Menschen" und dessen "Wiedergeburt" in der Kraft des Heiligen Geistes. Aus diesem Grund wird die Taufe durch Untertauchen und anschließende Handauflegung vollzogen.
4. Die Baptisten schätzen das allgemeine Priestertum aller Gläubigen hoch ein. Es gibt zwar auch geistliche Dienste und "Ämter", doch haben sie nie den "hierarchischen" Stellenwert bekommen wie in der katholischen oder evangelischen Kirche.
5. Die örtliche Gemeinde ist selbständig und im biblischen Sinne "Kirche". Gemeindeübergreifende Gebilde gibt es nur aus organisatorisch unvermeidlichen bzw. nützlichen Gründen. Eine Kirchenleitung, die der Gemeinde vorgeordnet wäre gibt es nicht, weil ihrer Ansicht nach alle der Gemeinde verliehenen Vollmachten dort vorhanden und dort anzuwenden sind, wo die Gemeinde sich sichtbar versammelt.
6. Zu den ältesten und geschichtlich wirksamsten Grundsätzen der Baptisten zählt die Forderung nach Glaubens-, Gewissens- und Versammlungsfreiheit für jedermann (...ob Jude, Ketzer...etc.) und die Forderung nach einer Trennung von Kirche und Staat.
3. Organisation, Struktur, Verwaltung, FinanzierungDie Baptisten verstehen sich als evangelische Freikirche mit weltweit ca. 43 Millionen Mitgliedern. Sie stellen damit eine der größten protestantischen Bewegungen dar.
Die letzte geistliche Verantwortung für den Weg der Gemeinde sehen Baptisten in der internen Gemeindeversammlung, in der alle Angelegenheiten gemeinsam entschieden werden. Man achtet darauf, daß eine möglichst weitgehende Einmütigkeit erreicht wird.
Die Baptisten kennen den Dienst des Pastors (Predigers). Eine theologische Ausbildung ist zwar der Normalfall, aber nicht überall gefordert und möglich. Eine Entsendung in Ausbildung oder Dienst bedarf immer auch der Bestätigung der Gemeinde. Theologische Ausbildungsstätten bestehen in Elstal bei Berlin und in Prag. Dazu kommen nationale Bibelschulen. Eine theologische Universitätsausbildung wird durch einen Zusatzjahrgang an einer baptistischen Ausbildungsstätte ergänzt. Die Ordination wird als Akt der Fürbitte, der Segnung und des Zeichens für die herausgehobene Verantwortung dieses Dienstes vollzogen. Die aus Ältesten und Diakonen bestehende Gemeindeleitung wird von der Gemeindeversammlung gewählt. Die Baptisten haben kein Bischofsamt.
Alle Ausgaben der Gemeinde, inkl. Bezahlung für die hauptamtlichen Mitarbeiter, werden aus freiwilligen Beiträgen bestritten. Der Zehnte (d.h. 10% des Einkommens) gilt als biblische Regel, wird aber nicht eingefordert, sondern nur empfohlen.
Die Verpflichtung zur Erfüllung des großen Sendungsbefehls von Mt 28 gehört zur Gemeinsamkeit aller Baptisten. Viele nationale Baptistenbünde haben eine eigene Außenmissionsgesellschaft. Die österreichischen Gemeinden beteiligen sich an der Europäischen Baptistischen Förderation (EBF) und gehören darüber hinaus zum Weltbund der Baptisten (BWA), der ca. 40 Millionen Mitglieder zählt.
4. Verhältnis zur Ökumene und zu anderen anerkannten ReligionsgemeinschaftenBaptisten waren bei der Gründung der ältesten ökumenischen Bewegung, der Evangelischen Allianz, beteiligt. Sie arbeiten in freikirchlichen Zusammenschlüssen mit, regional und örtlich in der Arbeitsgemeinschaft Christlicher Kirchen (ACK), in der Konferenz Europäischer Kirchen (KEK) oder auf anderen ökumenischen Plattformen. In Österreich sind sie aktive Beobachter im Ökumenischen Rat der Kirchen.
Das Verhältnis zu nichtchristlichen Religionsgemeinschaften ist zwar von Respekt geprägt, es dominiert jedoch die Auffassung, dass ein Mensch nur gerettet werden kann, wenn er eine persönliche Beziehung zu Jesus findet. Dies schließt die Missionierung an Menschen anderer Religioneszugehörigkeit mit ein.
5. Literatur
- Balders, Günter, Ein Herr, ein Glaube, eine Taufe, Oncken 1989
- Ökumenereferat/Pastoralamt der Diözese Linz, Leben als christliche Minderheit in Oberösterreich, Linz 2006
- Rabenau, Gottfried, Österreichischer Baptismus, Hamburg 1981
- Rabenau, Helmut, Jubiläumsschrift zum 125jährigen Bestehen der 1. Baptistengemeinde in Wien und Österreich, Wien 1994
- Reller Horst u.a.(Hgg.), Handbuch Religiöse Gemeinschaften, Gütersloher Verlagshaus, Gütersloh 1978, S.82-102
AnhangIn Österreich gibt es zur Zeit 24 Gemeinden bzw. Einrichtungen
Bundesbüro: Krummgasse 7/4, 1030 Wien, 01/7136828
Homepage: http://www.baptisten.at
(Andreas Girzikovsky)
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