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Umgang mit dem Bösen
Nicht erst durch den Start des Films "Der Exorzismus der Emily Rose" und den darauf folgenden Fernsehsendungen und Medienberichten sind die Themen "Ursachen des Bösen", "Besessenheit" und "Exorzismus" wieder in aller Munde.

Dabei schrieb schon 1976 Karl Rahner im Rückblick auf die tragischen Ereignisse von Klingenberg: "Wie wir heute auch als orthodoxe Gläubige ohne Hexen 'auskommen', so könnte man in der Praxis auch ohne Besessenheit 'auskommen'. Selbst wenn man einen Einfluß solcher bösen Mächt und Gewalten als denkbar annimmt, wäre dieser uns empirisch in dem, was wir schlicht Krankheit nennen und unter dieser Voraussetzung durchaus mit irdischen Mitteln bekämpfen können." (Rahner 1976, 722)

Momentaufnahme aus der weltanschaulichen Arbeit

Auch wenn die eigentliche Okkultwelle in den deutschsprachigen Ländern schon in den 80er Jahren des vorigen Jahrhunderts ihren Höhepunkt erlebt hatte, stellen wir immer noch ein starkes Beschäftigen mit dem Aberglauben als einen negativen Protest gegen Gesellschaft und Religion fest. Die Sehnsucht nach dem Okkulten spiegelt sich in magischen Zirkeln und okkultorientierten Gruppen von Hexen und Satanisten wieder. "Sie bieten scheinbar das Faszinierende am Gruseln und an verborgener Macht. Sie bleiben verborgen durch die gebotene Arkandisziplin der Gruppen. Sie bieten einen Ausgleich für Schuld- und Minderheitskomplexe nicht nur Jugendlichen, sondern auch Erwachsenen an. Es sind Möglichkeiten, wider den alltäglichen Frust mit Gewalt und unheimlichen Mächten und Ritualen vorzugehen. Welch idealer Nährboden für okkulte Sektierer, die ihre Umwelt schockieren wollen." (Müller 2002, 312)
Gleichzeitig erleben wir aber auch, dass sich die "Gegner" dieser Gruppen formieren.
"Menschen fühlen sich vom Bösen bedroht, von Dämonen in Besitz genommen, von ihnen Böses wollende Menschen 'verhext'. Selbst moderne Märchen wie Harry Potter werden mit dem Okkultverdacht als Machwerk des Teufels bezeichnet. Der magische Kreis hat sich in der Postmoderne wieder gebildet. So entdecken christliche Fundamentalisten der römisch-katholischen wie der freikirchlerischen und pfingstlerischen Kirchen die Abwehrmechanismen des Mittelalters wieder. Aber auch weissmagische Kreise oder aus den afroamerikanischen Religionen kommende Priester und Priesterinnen bieten heute Menschen, die sich vom Bösen betroffen fühlen, ihre Hilfe an." (Müller 2002, 312)

Der aktuelle Anlass: "Exorzismus der Emily Rose"

Der von Scott Derrickson inszenierte Film spielt in erster Linie in einem Gerichtssaal. Er geht der Frage der Wahrheit im Fall einer von Dämonen heimgesuchten Studentin, die bei einem Exorzismus verstorben ist, nach. Gibt es das Phänomen der Besessenheit wirklich oder war die junge Frau nur psychisch krank? Hat der Pfarrer, der die Teufelsaustreibung vornahm, unverantwortlich gehandelt oder war er der Wahrheit näher als andere, die ihn verurteilen wollen? Emily Rose (Jennifer Carpenter), die Titelfigur des Films, ist tot. Richard Moore (Tom Wilkinson), der den Exorzismus durchgeführt hat, wird verhaftet. Vor Gericht wird er wegen fahrlässiger Tötung angeklagt. In Rückblenden wird der Fall der jungen Studentin aufgerollt, die ein glückliches Leben führte, bis sie eines Tages von geisterhaften Erscheinungen und unerklärlichen Anfällen heimgesucht wurde. Die Kontrahenten in der Gerichtsverhandlung sind ein ehrgeiziger Staatsanwalt, Ethan Thomas (Campbell Scott), der als Rationalist und gläubiger Methodist charakterisiert wird, und vor allem die Verteidigerin, Erin Bruner (Laura Lin), die sich selbst als Agnostikerin bezeichnet. Sie wird von der Erzdiözese bezahlt, die im Hintergrund steht und vor allem daran interessiert ist, einen Skandal zu verhindern. Sie versucht die Unschuld des Geistlichen zu beweisen und die Wahrheit an Licht zu bringen.

Der geschichtliche Hintergrund: Der Fall Klingenberg

Am 01. Juli 1976 starb im unterfränkischen Klingenberg die 23jährige Pädagogikstudentin Anneliese Michel im Verlauf des an ihr vollzogenen Großen Exorzismus. Exorzist war der Salvatorianer P. Arnold Renz, begleitet durch Pfarrer Ernst Alt. Sie hatten den Auftrag vom Würzburger Bischof Stangl erhalten. Anneliese Michel, die seit Beginn des Jahres 1976, die Nahrungsaufnahme weitgehend verweigert hatte, starb an extremer Unterernährung. Außerdem wurde ein Herz-Kreislaufversagen bei medizinisch nachgewiesener Epilepsie festgestellt.  Zwei Jahre später, im April 1978, verurteilte das Landgericht Aschaffenburg die beiden Priester sowie die Eltern von Anneliese Michel wegen fahrlässiger Tötung durch Unterlassung zu je 6 Monaten Haft auf Bewährung sowie zu einer zusätzlichen Geldstrafe.
Schon bald wurde der tragische Tod von manchen Gruppen als Sühnegeschehen angesehen und es fanden immer wieder "Pilgerfahrten" zum Grab der Verstorbenen statt, die es auch heute noch geben soll.

Die Frage nach dem Bösen

Der Film wie auch der historische Hintergrund weisen uns auf die Frage nach dem Bösen in der Welt hin. Diese Frage und besonders nach dem Ursprung des Bösen gehört zu den bedrängendsten Fragen des menschlichen Denkens. Dies gilt gerade auch für Theologie und christlichen Glauben.
Denn wenn Gott ist und wenn er wirklich gut ist, wie kann es dann das Böse überhaupt geben? Dies ist immer auch eine Frage an Gottes Allmacht. Deshalb ist auch die Frage nach dem Bösen, besonders in der Neuzeit, zu einem Problem der 'Rechtfertigung' Gottes angesichts des Bösen geworden. Dies lautet  bei Albert Camus dann folgendermaßen: "Entweder sind wir nicht frei und der allmächtige Gott ist für das Böse verantwortlich. Oder wir sind frei und verantwortlich, aber Gott ist nicht allmächtig. Alle scholastischen Spitzfindigkeiten haben der Schärfe dieses Paradoxons nichts hinzugefügt und nichts genommen." (Camus 1967, 449).

Es bleibt die Frage: Warum, woher, wozu das Böse? Und immer wieder die Frage: Wo bleibt dabei Gott?

Notwendige Unterscheidungen

Diese Fragen verstummen auch nicht, wenn notwendigen Unterscheidungen getroffen werden:
Da gibt es zunächst einmal das physische Übel in dieser Welt. Das, was uns tagtäglich in Form von unverschuldeter Krankheit, Leid und Naturkatastrophen begegnet. Vieles lässt sich durch den Ablauf der Naturgesetze erklären. Doch: Wie steht es um die Entstehung von Krebszellen, die brutal menschliches Leben zerstören? Oder wie steht es um das Leiden von Kindern?
Demgegenüber gibt es das ethisch-moralische Übel, das Böse, in einer freien Willensentscheidung des Menschen gegen das im Gewissen gewusste Gebot oder Verbot. Das Böse im vollen Sinne existiert also nur, wo Freiheit und damit Zurechnung und Verantwortung wirksam sind.  
Der Mensch fragt nach dem Grund des Bösen. Wir haben für bestimmte Erscheinungsweisen des Bösen und für einzelne böse Handlungen eine "Erklärung": ererbte Verhaltensweisen, Destruktivität, Aggression, Frustration, Sachgesetzlichkeiten, repressive Strukturen. Zweifellos bestimmen sie die Freiheit der handelnden Personen mit und legen ob ihres Gewichtes nicht selten die Überzeugung nahe, es gäbe keine wirkliche freie Entscheidung. Bestimmte Begleitumstände der bösen Tat lassen sich damit begreiflich machen, aber nicht das Böse selbst.

Antworten

Es gibt genau genommen drei verschiedene Denkmodelle zur Deutung der Wirklichkeit des Bösen.
Zwei davon sind als mit dem christlichen Gottesverständnis unvereinbar abzulehnen:

  1. das monistische Modell: Der Ursprung des Bösen wird in Gott hineinverlegt. Gott ist nicht nur der Gute sondern trägt auch das Böse in sich. Einige  religiöse Sondergemeinschaften vertreten diesen Glauben
  2. das dualistische Modell: Neben Gott gibt es ein gleichursprüngliches böses Prinzip. Dieses böse Prinzip ist der Ursprung des Bösen, während Gott der Ursprung des Guten ist. Gerade auch in der Esoterik ist dieses Modell weit verbreitet.

Die christliche Antwort: das personale Denkmodell

Der christliche Glaube versucht sich dem Geheimnis des Bösen und seiner Herkunft auf dreifache Weise zu nähern: der persönlichen Sünde als Freiheitstat des Menschen; der überindividuellen Sündenmacht, die wir erfahren und die wir im Glauben als Erbsünde bezeichnen; und der Rede vom Teufel, als ursprünglich von Gott als gut geschaffenes personales Geistwesen, das sich aus freien Willen heraus von Gott abgewandt hat.
Die Bibel spricht von Satan (hebr.: der Widersacher, Verfolger, Feind) als den Widersacher, der gegen Gott und seine Schöpfungsordnung rebelliert. In diesem Sinn wird auch Petrus von Jesus "Satan" genannt, als er der Leidensankündigung widerspricht (Mt 16,23). Die griechische Übersetzung des hebräischen Satan ist Diabolos - der Durcheinanderbringer. Jesus wurde von ihm versucht und von Pharisäern beschuldigt, in seiner statt Gottes Vollmacht zu heilen. 
Eine wichtige Stelle im Neuen Testament ist Jesu Vision vom Himmelssturz Satans (Lk 10,18). Der Teufel ist gefallen, darum haben sogar seine Jünger Macht über die Dämonen. Die Macht des Bösen ist eine gebrochene Macht: Jesus hat sie besiegt. Zwar sind wir noch ihren Angriffen und ihren Verführungen ausgesetzt, aber wir müssen uns nicht vor ihr fürchten. (Katechismus 1993, Nr. 2850-2854) 
Aus dem Ganzen wird deutlich: Es gibt weder ein zweites Prinzip neben Gott, das der Ursprung des Bösen ist, noch gehört das Böse zur "negativen" Seite Gottes.

Der Exorzismus in der katholischen Kirche

Wenn von Jesus im Neuen Testament Heilungen berichtet werden, dann sind damit meist Exorzismen verbunden: er treibt unreine Geister "Dämonen" aus. Besessenheit war für die Menschen eine Form bestimmte gefährliche und unbekannte Krankheiten zu benennen. Jesus konnte diese Dämonen vertreiben, die Menschen heilen und damit den Anbruch des Gottesreiches zeigen. In dieser Tradition steht auch die Kirche, die die Vollmacht "Dämonen" auszutreiben von Jesus erhalten hat (Mk 3,15). Deshalb gibt es den Exorzismus in der Kirche. Exorzismus vom griechischen "Exhorkizo" bedeutet Beschwören und meint den Sinn nach 'jemanden anrufen und dazu veranlassen, etwas zu tun'. Die katholische Kirche versteht darunter eine Bitte an Gott, den Menschen von der Macht des Bösen zu befreien.
1614 wurde der Große Exorzismus im Auftrag des Trienter Konzils (1545-1565) im "Rituale Romanum" herausgegeben. Mit dieser Veröffentlichung sollte auch ein einheitliches für die Gesamtkirche geltendes Werk den vielen privaten Exorzismusbüchern gegenübergestellt werden. Es war somit eine positive Einschränkung. Aber auch nach dem RR 1614 erschienen immer wieder andere und teilweise umfangreichere Große Exorzismen mit bischöflicher Anerkennung. Der Große Exorzismus aus dem Rituale Romanum von 1614 blieb in dieser Form - außer einer Ergänzung aus dem Jahr1925, die allerdings schon auf Papst Leo XIII zurückgeht -, bis 1999 der Große Exorzismus der Kirche.
Nach dem Tod der Studentin Anneliese Michel kam es gerade in den deutsprachigen Ländern zu einer großen Nachdenklichkeit gegenüber dem Exorzismus. "Im übrigen steht nichts im Wege, dass die Bestimmungen des Rituale Romanum ... im Licht der Erkenntnisse der modernen Medizin und Psychologie überprüft werden. Ob jemand in einem konkreten Fall besessen ist, ist eine Glaubensfrage. Wer hier anders denkt, darf nicht als ungläubiger Rationalist hingestellt werden", schrieb der damalige Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz Kardinal Höffner. (Probst/Richter 2002, 55)
In weiterer Folge wurde von der Deutschen Bischofskonferenz 1984 eine gemischte Arbeitsgruppe beauftragt den Großen Exorzismus auf Zeitgemäßheit, Gültigkeit und Effizienz hin zu überprüfen. (Probst/Richter 2002, 61) Die Ergebnisse dieser Arbeitsgruppe wurden von der Bischofskonferenz positiv aufgenommen.
Mit dem neuen Kirchenrecht CIC 1983 ( Codex des kanonischen Rechts 2001, can 1172) und dem Schreiben der Glaubenskonkrgation von 1985 an die Bischöfe in dem Richtlinien zur seelsorglischen Praxis des Großen Exorzismus erlassen wurden, kam es zu weiteren Änderungen in der Praxis. "So wird als Voraussetzung für die Anwendung des Exorzismus eine vorausgehende Abklärung verlangt, bei der alle Möglichkeiten von Medizin und Psychologie auszuschöpfen sind. Auch darf bei Anwendung des Exorzismus eine medizinische Behandlung nicht unterbrochen werden. Wenn Angehörige eine medizinische Behandlung ablehnen, darf ein Exorzismus nicht vollzogen werden. Ebenfalls darf kein Probeexorzismus mehr ausgeführt
werden." (Müller 2002, 316)
1999 wurde dann ein neuer Ritus des Großen Exorzismus von der Gottesdienstkonkregation herausgegeben, von dem bislang noch keine offizielle deutsche Übersetzung vorliegt. Das Neue an diesem Ritus ist vor allem, dass der direkte Befehl an den Teufel den betroffenen Menschen zu verlassen, entfallen kann. Der eigentliche Exorzismus kann also aus dem bittenden Teil an Gott alleine bestehen.
Mit diesen Vorschriften und Maßnahmen versuchte die Kirche immer wieder, einerseits Missbräuchen und Fehlern entgegenzuwirken, anderseits aber auch einen verantwortbaren Umgang mit dem Bösen und vor allem auch eine seelsorglich vertretbare Begleitung von Menschen, die sich selbst von Mächten des Bösen überwältigt sehen, zu finden.
Gerade aus der Sorge um die Menschen, die sich vom Bösen umfangen fühlen, hat kirchliche Seelsorge eine gemeinsame Aufgabe mit Medizin, Psychologie und Psychotherapie im Dienst an den Betroffenen, damit diese gesundheitliche Heilung aber auch Heil finden.
In dieser Sorge nach einem heilsamen Umgang darf man auch die Stellungnahme von Tagungsteilnehmern und -teilnehmerinnen einer interdisziplinären Tagung zum Thema "Wie können Menschen vom Bösen befreit werden" , die im Oktober 2004 in Frankfurt/St. Georgen stattfand, verstehen:
"1. Die Rede vorn Teufel ist vielfältig vorbelastet und kann leicht missverstanden werden. Sie stößt heute häufig auf Unverständnis.
2. Gleichwohl spielt die Kategorie des Bösen in der Lebenswelt der Menschen eine große Rolle Menschen erfahren das Böse nicht selten als eine Macht. der sie ohnmächtig ausgeliefert sind.
3. Wenn in diesem Zusammenhang 'von der Personalität des Bösen' bzw. vom 'Satan' oder vom 'Teufel' die Rede ist, so ist folgendes zu beachten:
Im Alten Testament kommt der Teufel kaum vor. Die Dämonen spielen - vor dem Hintergrund des Ringens um Monolatrie und Monotheismus - keine Rolle.
Im euen Testament begegnet der Teufel (diabolos) unter vielen Namen: Satan (hebr.: der Widersacher, Verfolger, Feind), der Versucher, Belial/Beliar, Fürst dieser Welt usw. Hier handelt es sich um Umschreibungen und Metaphern, die zeigen, dass eine gewisse Scheu besteht, das Abgrundböse auf einen bestimmten Namen festzulegen. Das Neue Testament spricht in verschiedenen Kontexten vom Sieg über den Teufel und verbindet diesen Sieg untrennbar mit der Person Jesu Christi. Dabei bleibt der „Teufel“ aber schillernd und unfassbar. Er entzieht sich jeder Fixierung.
Eben weil das Abgrundböse schillernd ist und unfassbar bleibt, kann es bei der theologischen Rede vom Teufel nur um die sprachliche und bildhafte Bewältigung sowie Vertiefung der Erfahrung des Abgrundbösen gehen. Wenn man theologisch von der 'Personalität des Bösen' spricht, wird dadurch festgehalten und klargestellt:
Das Böse ist eine furchtbare Realität. Es ist nicht notwendig, sondern kontingent. Es hat mit dem Phänomen der menschlichen Freiheit zu tun, d. h. mit der grundsätzlichen Fähigkeit des Menschen. zwischen Gut und Böse zu unterscheiden und sich dann diesbezüglich zu entscheiden. Das Böse zeigt mitunter eine eigentümliche Logik und Raffinesse. Es ist eine vom einzelnen Menschen zu unterscheidende Macht. aber der Mensch kann sich ihm widersetzen. Dank der Entmachtung des Bösen durch Jesus Christus ist für den Menschen ein Sieg über das Böse möglich.
4. Die Grenzen des theologischen Sprechens über das Böse sind einzugestehen und zu wahren: Die Rede vom 'Teufel' oder 'von der Personalität des Bösen' ist der Versuch, über jene furchtbare Realität des Abgrundbösen etwas mehr auszusagen als nichts.
5. Wenn man bzgl. des Bösen in 'Ermangelung eines besseren Begriffs von Person' spricht, kann es sich bestenfalls um 'eine analoge Aussage' im Sinn der klassischen Analogielehre handeln. Das heißt: Bei dieser Aussage ist die Unähnlichkeit größer als die Ähnlichkeit. Es wäre daher ein Missverständnis, die 'Personalität des Bösen mit menschlicher Personalität gleichzusetzen'.
6. Die Rede vom 'Teufel' ist eine 'Verstehenskategorie und Deutungshilfe', die bei der Verständigung über Ursprung, Wesen und Bewältigung des Bösen helfen kann. Der Geheimnischarakter des Bösen wird durch die Rede vom Teufel nicht aufgelöst, sondern im Gegenteil im Bewusstsein gehalten. Hier kommt das zum Ausdruck. was die Möglichkeiten menschlichen Sprechens übersteigt und letztlich unsagbar ist.
7. Ziel theologischen Nachdenkens und Sprechens muss eine pastoral verantwortete Rede vom Bösen sein, die vermittels ihrer 'metaphorischen' Kraft das jedem Menschen begegnende Böse in seiner individuellen, personalen und subjektiven (situativ-einmaligen) wie auch in seiner überindividuellen, überpersonalen und objektiven Form zu identifizieren vermag.
Das heißt: Theologie und Verkündigung müssen in einer Weise vom Bösen sprechen. die deutlich macht, dass das Böse zwar von Menschen begangen wird, dass böse Zustände aber - auch wenn sie von den menschlichen Tätern nicht zu trennen sind über die individuelle Täterschaft hinauseisen und zu strukturellen Konstellationen einer kollektiven Bosheit (z. B. Hiroshima, Auschwitz, Archipel Gulag usw.) werden, gegenüber denen sich einzelne Menschen machtlos fühlen. Eben dieses Miteinander und Ineinander von individuellem Tun und überindividueller Macht bringt die Rede vom Teufel zur Sprache.
8. Immer wieder gibt es Menschen, die sich als "besessen" erleben oder hei denen andere Symptome angeblicher "Besessenheit" zu erkennen meinen.
9. Ob es so etwas wie eine dämonische Besessenheit gibt, ist weder zu beweisen noch zu widerlegen. Nach Auskunft der Humanwissenschaften handelt es sich bei den auftretenden Phänomenen um ein in religiös-terminologische, theatralisch-gebärdenhafte Sprache gefasstes psychodynamisches und psychopathologisches Syndrom.
Unter humanwissenschaftlicher Perspektive gibt es also keine Besessenheit, sondern nur besondere Persönlichkeitskonstellationen und eventuell Krankheitssymptome. die in einem bestimmten religiösen Kontext in dieser Weise gedeutet werden können.
Theologisch kann die Möglichkeit von Besessenheit nicht ausgeschlossen werden. Sie gilt als 'sententia certa', als gesicherte theologische Lehre.
Allerdings dürfte es im konkreten Fall schwierig sein, eine moralische Gewissheit darüber zu erlangen, ob Besessenheit vorliegt (vgl. CIC c. 1172 § 2). Es gibt keine theologischen Kriterien für Besessenheit.
Die immer wieder genannten Anzeichen das Verstehen fremder Sprachen, das Wissen um geheime und verborgene Dinge. das Verfügen über außergewöhnliche Kräfte. die feindliche. aggressive Reaktion auf heilige und geweihte Dinge) können auf dem Hintergrund heutiger humanwissenschaftlicher Erkenntnisse - 'selbst in der Summe' - keine hinreichenden Gründe für die Konstatierung von Besessenheit sein.
Daher sind Menschen. die sich für 'besessen' halten oder vermeintliche 'Besessenheitsphänome' zeigen, einer entsprechenden neurologisch-psychiatrischen und/oder einer klinisch- psychologischen Diagnose und einer eventuellen Therapie zuzuführen.
10. Die medizinische und die religiöse Deutung der Phänomene schließen einander nicht aus und treten nicht in Konkurrenz zueinander. Sie stellen jeweils eigenständige und jeweils begrenzte Deutungsdimensionen dar.
Der Humanwissenschaftler erhebt einen ärztlich-medizinischen und klinisch-psychologischen Befund. Der Theologe stellt die auf diese Weise (nach derzeitigem humanwissenschaftlichem Kenntnisstand mehr oder weniger) erklärbaren Phänomene in einen Gesamtzusammenhang, der die humanwissenschaftliche Dimension transzendiert. Er konstatiert, dass sich hier am Leiden eines Menschen jene Isoliertheit und Kommunikationslosigkeit, jenes Chaos und Tohuwabohu, jene Lebensfeindlichkeit manifestieren, die gottwidrig sind und als Charakteristikum des Bösen gelten.
11. Wie jeder Kranke, so hat auch der Mensch, der sich vom Bösen in besonderer Weise bedrängt fühlt, ein Anrecht auf ärztlich-medizinische bzw. klinisch-psychologische und seelsorgliche Betreuung. Dabei ist seiner subjektiven Überzeugung von der religiösen Dimension seiner bio-psychosozialen Befindlichkeit angemessen Rechnung zu tragen. ohne sie in irgendeiner Weise zu bestätigen und zu verstärken.
Der traditionelle Große Exorzismus als Gebet über Besessene und Befehl an den Satan, aus dem Kranken auszufahren oder von ihm abzulassen, kann zumindest in unserem Kulturkreis nicht mehr als angemessene Form liturgischer Hilfe gelten. Dies hat bereits 1984 eine von der Deutschen Bischofskonferenz eingesetzte Kommission konstatiert und anstelle dieses Exorzismus eine "Liturgie zur Befreiung vom Bösen" vorgeschlagen, denn die Erfahrbarmachung der Liebe Gottes, die Zuwendung zum bedrängten Menschen und die eschatologische Deutung dieser Zuwendung ist keineswegs überholt. Diese Zuwendung ist ein wichtiger Teil des Heilsdienstes der Kirche - in ihr wird zeichenhaft deutlich, dass das Reich Gottes bereits angebrochen ist und dass in Jesus Christus der Sieg über das Böse bereits errungen ist.
Mit dem Hilfsbedürftigen und für ihn um die Befreiung vom Bösen zu beten, kann daher als Teil der Reich-Gottes-Verkündigung bzw. Nachahmung der Reich-Gottes-Praxis Jesu gelten und sollte damit eine wichtige Aufgabe der Kirche sein.
Seelische Not, körperliches Leiden, Angst, Verzweiflung, Aggression, Negativismus -jene vielfältigen Manifestationen des Abgrundbösen - sollten beim Namen genannt werden, damit "Befreiung" möglich wird.
Zu vermeiden ist daher die seit dem Mittelalter in der Westkirche anzutreffende imprekative (imperative) Form des Befreiungsgebetes sowie die direkte Anrede des Teufels bzw. das Erfragen der Namen von Teufeln und Dämonen, denn:
Das imprekative (imperative) Gebet fördert das Missverständnis, die Befreiung vom Bösen lasse sich durch Exorzismus magisch erzwingen, und kann gegebenenfalls den "Trotz" der Betroffenen hervorrufen.
Bei dem Gebet um Befreiung handelt es sich um Liturgie, also um einen Dialog zwischen Mensch und Gott. Von daher verbietet es sich - unabhängig von der theologischen Frage ihrer Existenz Teufel und Dämonen, in einer gottesdienstlichen Feier anzusprechen. Adressat des Gebetes um Befreiung kann nur Gott sein. Deshalb ist die deprekative (fürbittende) Form dem Gebet um Befreiung als einer liturgischen Handlung angemessen. Die Freiheit und Würde des betroffenen Menschen erfordert aber gleichzeitig sein aktives, möglichst freies Mitbeten. Die 'conprekative Form' des Gebetes entspricht der Forderung der liturgischen Konstitution des Zweiten Vatikanischen Konzils nach einer "actuosa participatio" (aktiven Teilnahme im Hier und Jetzt) in der erneuerten Liturgie.

Marion Wagner
Ulrich Niemann SJ
Antonio Autiero
Klaus Berger
Medard Kehl SJ
Ute Leimgruber
Manfred Probst SAC
Klemens Richter"  (Niemann 2005a, 275ff)

Literatur

Camus, A (1967), Der Mythos von Sisyphos, in: Das Frühwerk, Reinbeck bei Hamburg

Codex des kanonischen Rechts (2001), Kevelaer 
Can. 1172 - § 1. Niemand kann rechtmäßig Exorzismen über Besessene aussprechen, wenn er nicht vom Ortsordinarius eine besondere und ausdrückliche Erlaubnis erhalten hat.
§ 2. Diese Erlaubnis darf der Ortsordinarius nur einem Priester geben, der sich durch Frömmigkeit, Wissen, Klugheit und untadeligen Lebenswandel auszeichnet.

Kasper, W. - Lehmann, K. (Hg.) (1978), Teufel - Dämonen, Besessenheit. Zur Wirklichkeit des Bösen, Mainz 

Katechismus der Katholischen Kirche (1993),  München; Wien; Leipzig; Freiburg/Schweiz; Linz

Müller, J. (Hg.) (1997), Dämonen unter uns? Exorzismus heute, Freiburg i. Ue.

Müller, J. (2002), Abwehr der Dämonen?, Schweizerische Kirchenzeitung 20-21/2002,

Niemann, U. (2005a), Befreiung vom Bösen? Für einen zeitgemäßen Umgang mit "Besessenheit", Stimmen der Zeit Band 223, Freiburg/Breisgau

Niemann, U.- Wagner, M. (Hg.) (2005b), Exorzismus oder Therapie? Ansätze zur Befreiung vom Bösen, Regensburg

Probst, M. u. Richter, K. (2002), Exorzismus oder Liturgie zur Befreiung vom Bösen, Münster

Rahner, K. (1976), Besessenheit und Exorzismus, Stimmen der Zeit Band 194, Freiburg/Breisgau 

 

Weitere Informationen:

 

 

(Stefan Lorger-Rauwolf)




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