Bahá'i

Geschichte

Die Bahá'i-Religion ist aus dem schiitischen Islam Persiens hervorgegangen. Die Schiiten, eine der beiden großen Strömungen des Islam, erwarten die Wiederkehr ihres letzten geistigen Oberhaupts, Muhammad ibn-Hasan, der nach schiitischer Überzeugung nach seiner Ernennung zum Imam 873 n.Chr. der Erde entrückt wurde und als Imam Mahdi "in der Fülle der Zeit" die Herrschaft Gottes auf Erden errichten wird. Bis dahin sind die schiitischen Geistlichen Verwalter des religiösen Lebens, während die politischen Herrscher die jeweilige staatliche Gewalt stellvertretend ausüben. Imam Mahdi wird nämlich als irdischer Herrscher sein Reich antreten. Das Verhältnis gläubiger Schiiten zur Staatsmacht ist deshalb nicht konfliktfrei.

Babismus

1844 verkündet der Kaufmann Sayyid Ali Muhammad (1819-1850), besser bekannt unter dem Namen Hazrat-i Bab, das baldige Kommen Imam Mahdis. "Bab" bedeutet "Pforte". Er sieht sich selbst als der Verheißene des Islam, der "Qá'im" (Er, der sich erhebt), und Wegbereiter für das Kommen eines weiteren Gottesboten - Bahá'u'lláh. Dem Báb kommt in der Bahá'i-Prophetologie die Stufe eines selbständigen Offenbares Gottes zu. Er setzt dem Koran eine eigene heilige Schrift, die er "Bayan" (Erklärung) nennt, entgegen. Im Juli 1850 wird er deshalb öffentlich exekutiert, seine Anhänger werden grausam verfolgt. Man schätzt, dass über 20.000 Menschen dabei umkommen. Es gelingt ihm aber noch, vor seinem Tod einen Nachfolger, Mirza Yahya (1830-1912), auch Subh-i Azal ("Morgen der Ewigkeit") genannt, zu ernennen. Dieser vermag aber - auch auf Grund seiner Jugend von nur 19 Jahren - , die stark geschwächte Gemeinde nicht zu leiten. Er übergibt deshalb seinem um 13 Jahre älteren Halbbruder Husain Ali Nuri (1817-1892) die Leitung, der die Anhängerschaft wieder neu um sich zu scharen versteht. 1853 werden die beiden Brüder aus Persien verbannt und gehen für 15 Jahre ins Exil nach Bagdad, Istanbul und Edirne. Bald kommt es zum Zerwürfnis der beiden. Husain Ali Nuri beruft sich auf ihm von Gott zuteilgewordene "Offenbarungen", nennt sich Baha'u'llah ("Herrlichkeit Gottes"). Die Konflikte zwischen den beiden Halbbrüdern führen schließlich zu Gewalttaten, sodass die osmanische Regierung beide verbannt, Subh-i Azal nach Zypern und Baha'u'llah nach Akka in Palästina. Die Anhänger von Subh-i Azal verlieren zunehmend an Bedeutung und leben heute nur noch in kleinen Gruppen.
Nach dem Tod Baha'u'llahs übernimmt Abdul Baha ("Diener der Herrlichkeit") (1844-1921) die Führung. Er verlegt seinen Sitz von Akka nach Haifa. Ab 1911 verbreitet er die Bahá'i-Lehre vor allem in den USA, wo er bedeutende Persönlichkeiten gewinnt (z.B. die Milliardärin Edith Rockefeller). Ihm folgt sein Enkel Shoghi Effendi (1897-1957) als "Hüter der Sache Gottes". Nach seinem Tod entbrennt abermals ein heftiger Nachfolgestreit, der erst mit der Errichtung eines neunköpfigen Führungsgremiums im Jahr 1963 beigelegt werden kann. Vom iranischen Staat erhielten die Bahá'i bis heute nicht ihre Religionsfreiheit zurück. Auch in den meisten anderen islamischen Staaten unterliegen sie entweder einem Totalverbot oder zumindest starken Einschränkungen.

Lehre

Steht der Babismus noch weitgehend in der Tradition des schiitischen Islam, so sieht sich der Bahá'ismus als die Vollendung aller universellen Bekenntnisse, also des Hinduismus, des Buddhismus, des Judentums, des Christentums und des Islams. Gott ist die absolute Transzendenz, er spricht durch seine Propheten, zu denen auch Muhammad und Jesus zählen. Alle Religionen sind Ausfluss des göttlichen Ratschlusses. Während aber alle übrigen Religionen ihre Daseinsberechtigung verloren haben, ist der Bahá'ismus die in der momentanen Gegenwart entscheidende Religion. Die Bahá'i erkennen laut eigener Definition "alle Religionen als göttlich in ihrem Ursprung und als die bestimmenden Kräfte für die Kultivierung der Menschheit" an.  Nach Bahá'i-Lehre besteht jede Religion aus zwei Teilen: "Der gleichsam ewige und unveränderliche motiviert die Menschen zu Wahrhaftigkeit, Liebe zu Gott, zum Nächsten, zum Mitgeschöpf. Der veränderliche Teil bezieht sich auf Fragen, die das Zusammenleben der Menschen regeln sollen einschließlich Ehe- und Familienrechte, Erbrecht sowie Verordnungen wie Fasten, Gebete usw. Dieser Teil der Religion ist abhängig von den Umständen der Zeit und der Region, in der Gottes Wort offenbart wurde. Mit dem Kommen Bahá'u'lláhs ist ein neues Maß der göttlichen Eingebung für die nächste Stufe in der kulturellen Entwicklung der Menschheit erschienen, deren Aufgabe und Bestimmung ist, zu ihrer 'Einheit in ihrer Vielfalt' zu finden. Die Bahá'i glauben, dass nach Bahá'u'llah auch weitere Gottesboten erscheinen werden".

Kitab al-Aqdas

Das wichtigste Offenbarungswerk der Bahá'i ist das Kitab al-Aqdas, das "Heiligste Buch". Es enthält das bahá'istische Religionsgesetz, das das islamische Recht, die Shari'a, ersetzt. Es entsteht 1875, jedoch erst 1992 erfolgt eine Übersetzung ins Englische. Enthalten sind verschiedene Vorschriften, wie eine jährliche, 19-tägige Fastenzeit, tägliche Pflichtgebete, das Alkoholverbot, die Enterbung von Nichtgläubigen, die Ablehnung des Heiligen Krieges zur Glaubensverbreitung, die Verpflichtung zur Monogamie sowie die Errichtung eines weltweiten Einheitsstaates, etc. Eine aktive Teilnahme an der Politik ist untersagt, Bahá'i warten auf das Kommen des "Goldenen Zeitalters", in dem die "göttliche Ordnung" verwirklicht werden soll. Es gibt einen eigenen Kalender. Das Jahr hat 365 bzw. 366 Tage, 19 Monate mit je 19 Tagen und 4 bzw. 5 eingeschobenen, zusätzlichen Tagen. Beginn des Jahres ist der 21. März. Gezählt wird seit dem Jahr 1844. Bahá'i feiern neun Feiertage: den Jahresanfang (21. März), den 21. April, das Ridvan-Fest am 2. Mai, die "Erklärung des Bab" am 23. Mai, die Geburtstage von Bahá'u'llah ( 12. November) und von Bab (20. Oktober) sowie die Todestage von Bahá'u'llah (29. Mai) und von Bab (9. Juli).

Kult

Im Gegensatz zum Islam kennt der Bahá'i-Glaube die Bezeichnung "Fünf Pfeiler der Religion" nicht. Den drei täglichen Gebetsübungen gehen rituelle Waschungen voraus, das (freiwillige) Almosengeben in Form von Gemeindesteuern beträgt 19 Prozent des Vermögenszuwachses nach Abzug sämtlicher notwendiger Lebenshaltungskosten, und die Pilgerfahrt führt nach Haifa oder Akka in Israel. Am ersten Tag eines Bahá'i-Monats findet das "Neunzehntage-Fest" statt. Es gilt als Kern des Gemeindelebens und besteht aus drei Teilen, einer Andacht, einer Beratung und einer Bewirtung. Es gibt einen eigenen Ehe-Ritus. Die Heirat mit Andersgläubigen ist möglich, doch muss sie im bahá'istischen Ritus erfolgen. Missionsarbeit ist für alle Mitglieder verpflichtend. Für die Aufnahme in die Gemeinschaft gibt es keine Vorbedingungen oder Kenntnisse. Es genügt die Anerkennung Bahá'u'llahs durch Unterschrift.

Organisation

Das "Universale Haus der Gerechtigkeit" (bait al-'adl-i a'zam) hat seinen Sitz in Haifa. Dieses Gremium ist mit allen Vollmachten ausgestattet. Es ist kraft der von Gott verliehenen Vollmacht die oberste Instanz und bestimmt, was als unfehlbar gilt. Auf Gemeindeebene agieren "Geistige Räte", denen in jedem Land "Nationale Geistige Räte" übergeordnet sind. Die Bahá'i-Gemeindeordnung kennt auch keinen Klerus. "Das Bahá'i-Gemeinwesen der Zukunft steht sowohl der Theorie als auch der Praxis nach nicht nur einzig in der gesamten Geschichte der politischen Institutionen, sondern auch ohne Gegenstück in den Annalen aller ankannten Religionssysteme der Welt da", betont Shioghi Effendi. "Keine Form demokratischer Regierung, kein System, sei es monarchisch oder republikanisch, und selbst keine der anerkannten Formen der Theokratie, sei es nun das hebräische Gemeinwesen, seien es die verschiedenen christlichen Kirchenorganisationen, das Imamat oder Kalifat im Islam, keines von ihnen kann mit der von der Meisterhand ihres vollendeten Architekten gebildeten administrativen Ordnung gleichgesetzt oder als ihr übereinstimmend bezeichnet werden"(Die Weltordnung Bahá'u'lláhs, Seite 219).
Hält man sich nicht an die Lehre der Baha'i, gilt man als verloren. Ziel ist, die ganze Welt für die Botschaft Baha'u'llahs zu gewinnen.

Mitglieder und Rechtsstatus

Es gibt heute rund 6 Millionen Anhänger in ca 235 Ländern. In Österreich leben etwa 1.300 Bahá'i in 152 Orten; es existieren 23 örtliche Geistige Räte in allen Bundesländern. 1959 wurde der erste Nationale Geistige Rat gewählt. Abdul Baha, der Sohn des Gründers, hat sich in Österreich im August 1913 aufgehalten. Der Sitz des Geistigen Rates ist in der Thimiggasse im 18. Wiener Bezirk. Lokale Räte gibt es in Graz, Salzburg, Linz und Innsbruck. Seit 1998 ist die Bahá'i-Religionsgemeinschaft in Österreich eine staatlich eingetragene Bekenntnisgemeinschaft und hat somit den Status einer Rechtspersönlichkeit.

Anmerkungen

Literatur

F. Ficicchia, Der Bahá'ismus - Weltreligion der Zukunft? Stuttgart 1981;
G. Rosenkranz, Die Bahá'i,
U. Schaefer, Die Grundlagen der Verwaltungsordnung der Bahá'i;
U. Schaefer/N. Towfigh/U. Gollmer, Desinformation als Methode, Hildesheim 1995
S. Effendi, Die Weltordnung Bahá'u'llahs;
M. Hutter, Der Bahá'i -Geschichte und Lehre einer islamischen Weltreligion, 1994;
K. Poostchi/A. Käfer, Die Bahá'i-Religion in Österreich, Graz 2001;

Offizielle Homepage der Bahá'i - Gemeinde in Österreich: http://www.bahai.at/

(Bernhard Dobrowsky)

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