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Zeugen Jehovas (Darstellung)

 

1. Zur Geschichte

Im Jahre 1921 kam der Fassbinder Leopold König aus der Schweiz nach Wien und begann als Wachtturm-Kolporteur tätig zu werden. Zum Zweck des Literaturverkaufs hielt er öffentliche Vorträge und suchte Adressen von Interessenten zu gewinnen; Haustürverkäufe waren damals gesetzlich verboten.1923 eröffnete die Wachtturm-Gesellschaft ihr erstes Büro in Wien, um Zusammenkünfte und den Literaturvertrieb zu organisieren. Zu Pfingsten 1924 fand eine erste Hauptversammlung der Internationalen Vereinigung Ernster Bibelforscher statt. Am 24. Mai 1930 erfolgte die Gründung des Vereins Wachtturm-Gesellschaft, im Juli 1935 wird dieser wieder aufgehoben. Damals gab es in Österreich 30 Bibelstudiengruppen. 1937 ergab eine Zählung 549 Mitglieder; ernst zu nehmende Schätzungen gehen von über 700 Personen aus.
Die Gründung der Ernsten Bibelforscher ging auf Charles Taze Russell (1852-1916) zurück. Er gründete im Juli 1879 die Zeitschrift Zion's Watch Tower and Herald of Christ's Presence (heute: Der Wachtturm verkündet Jehovas Königreich) und 1881 die Verlagsgesellschaft Zion's Watch Tower Bible Society of Pennsylvania (heute: Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft). Aus Interesse an der Chronologie in der Bibel in Bezug auf das Kommen Christi und dem Ende der Welt verbreitete er die Überzeugung, dass Jesus Christus 1874 zum himmlischen König erhoben worden sei und die Welt unsichtbar regiere, seit 1878 die Auferstehung der verstorbenen Gläubigen begonnen habe und bis 1914 abgeschlossen werde. Im Oktober 1914 erfolge in Harmagedon, dem Krieg Gottes, die Vernichtung aller heidnischen Nationen und falschen Religionen und anschließend beginne das Tausendjährige Reich. Diese spektakuläre Erwartung erfüllte sich nicht und es erfolgte ab 1919 eine Umdeutung, die auch zu einer neuen Selbstbezeichnung führte: Jehovas Zeugen (ab 1931 gebräuchlich). Ins Zentrum rückte nun die theokratische Ordnung: die biblische Interpretation bezog nun die irdische Wachtturm-Organisation selbst und die Familien verstärkt ein.
Im Ersten Weltkrieg verhielten sich die Bibelforscher in politischen und militärischen Fragen unterschiedlich, danach wurden sie zur Neutralität verpflichtet. Als Nonkonformisten  verzichten sie auf jegliches politisches Handeln, um so Gottes Alleinherrschaft zu deklarieren. Im Zweiten Weltkrieg wurde diese kompromisslose Einstellung zum Anlass für Misstrauen und Verfolgung ihnen gegenüber; so wurden 48 österreichische Bibelforscher hingerichtet, 13 ermordet und 81 starben an den Schikanen in der Haft oder im KZ.
Die Reorganisation begann mit der Gründung des Vereins Wachtturm-Gesellschaft am 21. Juni 1947 mit mehr als 730 Mitgliedern. Das Zweigbüro in Österreich befindet sich seit 1957 in der Gallgasse 42-44, 1130 Wien. Im Jahr 2006 wurden 20.328 Verkündiger und 302 Versammlungen gezählt (Wachtturm 1. Februar 2007, 29). Davon sind ca. 25 Versammlungen bzw. Gruppen fremdsprachig. Am 11. Juli 1998 erhielten die Zeugen Jehovas den Status einer staatlich eingetragenen religiösen Bekenntnisgemeinschaft zuerkannt.

2. Zur Lehre

Die Bibel bezeugt nicht nur den Willen Gottes, sondern weist auch auf, dass sich viele der darin enthaltenen Prophezeiungen schon erfüllt haben und andere sich gerade erfüllen. Durch die besondere Verbindung von politischen Fakten und Daten mit der religiösen Lehre wird die Glaubwürdigkeit der Bibelauslegung der Zeugen Jehovas abgesichert. Im Mittelpunkt dieser Form der Bibelauslegung steht das unsichtbar gegenwärtige Königreich Jehovas. So wird gelehrt, dass Jesus Christus den Menschen das ewige Leben eröffnet habe: allein 144.000 gesalbte Christen werden in den Himmel kommen und die anderen treuen Christen werden auf der zum Paradies verwandelten Erde leben. Zeugen Jehovas glauben heute, dass Jesus Christus erst im Jahr 1914 himmlischer Regent wurde, der Großteil der Gesalbten schon bei ihm im Himmel sei und "binnen Kurzem das gegenwärtige böse und gesetzlose System der Dinge abgelöst wird" (Erwachet März 2007, 4).Heute gibt man zu, nicht zu wissen, an welchem Tag der Herr kommen werde. Die hervorgehobene Dringlichkeit habe - so wird eingestanden - auch zu falschen Endzeiterwartungen geführt. Der Anspruch der Neutralität ist zB auch nicht absolut zu verstehen, denn jeder "Versuch, im Krieg Gottes neutral zu bleiben, wird dich in Harmagedon das Leben kosten" (Wachtturm 15. Mai 1990, 6).
Zeugen Jehovas bilden durch ihre Gemeinschaft, die von den restlichen, noch auf Erden lebenden Gesalbten theokratisch geleitet wird, Jehovas Organisation, die in Konkurrenz zur Welt steht: "Wir sind kein Teil der Welt". Gemeint ist damit, dass sie sich allein auf biblisch begründbare Verhaltensweisen, Tugenden und Anschauungen beschränken und nicht auf eigene Einsichten oder gesellschaftliche Gewohnheiten vertrauen. Die im Wachtturm und Erwachet vorgegebenen Regeln gelten zwar nicht als göttlich inspiriert, sind aber für alle verbindlich und werden konsequent ins Familienleben, in die Berufswelt, in die Gemeinschaftstreffen und den Predigtdienst übertragen. Die Anwendung der biblischen Vorschriften kennzeichnet einen Zeugen Jehova: "Wir haben eine höhere Moral, einen göttlichen Sittenmaßstab". Sie akzeptieren die geltenden staatlichen Rechte und Pflichten, wenn diese ihre Form von christlichem Leben nicht behindern. Getaufte Zeugen können heute den Zivildienst leisten, wenn dieser vom Wehrersatzdienst entkoppelt und wenn er wirklich eine gute Sache ist. Der Besuch von Wahllokalen ist nicht verboten; die Wahlenthaltung ist Gewissensentscheidung. Verstärkt wird aber vor einer Apathie gegen Religion gewarnt, die durch politische Aktivitäten entstehen könne.

3. Feste, Riten, Zeichen

Für das dogmatisch so wichtige Jahr 1914 existiert kein Festtag. Es gibt keinen spektakulären Endzeittermin mehr, aber die Endzeiterwartung ist ungebrochen. Die bisher geltende Auffassung, dass einige Zeugen Jehovas, die das Jahr 1914 bereits bewusst erlebt haben, die Wiederkunft Christi erleben werden, wurde aufgegeben. Ein einziger Gedenktag ist kalendarisch festgelegt: es ist der 14. Nisan, der Tag des jüdischen Pessach am ersten Frühlingsvollmond, an dem eine eigene Veranstaltung zur Erinnerung an das Letzte Abendmahl stattfindet. (Es ist jedoch nur den 8758 weltweit noch lebenden Gesalbten erlaubt, Brot und Wein zu verkosten.) Weihnachten und Ostern werden als unbiblisch abgelehnt; damit verbunden ist das Verbot von Geburtstags- und Totengedenkfeiern. Private Gedenktage wie Taufe, Trauung oder Begräbnis werden durch Ansprache, Gebet und Gesang gewürdigt. An der reservierten Einstellung zur Gestaltung von Feiern tritt das endzeitliche Merkmal der Zeugen Jehovas erneut zutage. Die Familie gilt als reale Schutzgemeinschaft (um Sittlichkeit zu bewahren) und als Ort des Friedens (um Gehorsam und Einigkeit zu leben).
Als besonderer Meilenstein gilt die Wassertaufe, die meist auf einem Kongress stattfindet. Sie findet im Alter zwischen Mündigkeit und Volljährigkeit statt, da mit der Taufe eine enge Verbindung zwischen Jünger-Sein und Jünger-Machen hergestellt wird. Gelingt es beidem ein Leben lang treu zu sein, so wird einem das ewige Leben im Paradies geschenkt werden. Die Gemeindetreffen konzentrieren sich auf mehr rationale und organisatorische Tätigkeiten, nicht auf rituelle Feiern; die festgesetzten Gemeinschaftstreffen gelten als gottesdienstliche Festzeiten.

Dreimal in der Woche gibt es eine Versammlung (zwei im Königreichsaal; eine im häuslichen Bereich im Bekanntenkreis), zweimal jährlich findet ein ein- oder zweitägiger Kreiskongress und einmal im Jahr der dreitägige Bezirkskongress statt. Bei diesen Treffen wird anhand von Bibel erklärenden Schriften, Kassetten und Videos der Wachtturm-Gesellschaft der bibelkonforme Umgang mit aktuellen Zeit- und Lebensproblemen vorgestellt. Die Veranstaltungen sind verbindlich für jeden. Für besondere Anliegen kann jede Versammlung eigene Einrichtungen bilden, wie z.B. Bau- oder Hilfskomitees. Dazu zählt auch das Krankenhaus-Verbindungskomitee, das Ärzte, Krankenpersonal und Juristen über Behandlungsforderungen der Zeugen Jehovas aufzuklären und Erkrankte zu besuchen hat. Da das Blut als Sitz des gottgegebenen Lebens gilt "spenden wir kein Blut und lassen auch unser Blut...nicht für spätere Transfusionen lagern" (Wachtturm 15. Oktober 2000, 31). Verstößt jemand dagegen, so zeigt er damit, dass er kein Zeuge Jehovas mehr sein möchte und gilt als ausgetreten.
Ausgehend vom 1. Korintherbrief 11,3 gilt die männliche Leitung als theokratisch. Die Versammlungen werden von Ältesten (für geistliche Belange zuständig) und Dienstamtgehilfen (für organisatorische Aufgaben) ehrenamtlich geführt. Bei der Straßen- und Haus-zu-Haus-Verkündigung wird kein Unterschied zwischen Mann oder Frau, getaufte oder ungetaufte Verkündiger  (z.B. Kinder) gemacht. Für den viel umworbenen Pionierdienst gilt seit Jänner 2000 ein Limit von 70 Monatsstunden; für Hilfspioniere gelten 50 Monatsstunden Predigtdienst. Die Finanzierung der Schriften erfolgt seit Beginn der 1990er Jahre durch Spenden.

4. Stellung zu anderen, bestehenden Religionsgemeinschaften

Die Zeugen Jehovas verstehen sich als die in der Neuzeit wiederhergestellte Form des Christentums der ersten Christen, die sich an die ursprünglich biblischen Weisungen halten. Damit nehmen sie für sich in Anspruch, dass ihre Bibellehre die wahre Religion, das Christentum schlechthin, sei. Alle anderen Religionen und Kirchen, die viele religiöse und gesellschaftspolitische Gemeinsamkeiten haben, zeigen demgegenüber auf, dass sie nur Variationen von Babylon der Großen seien, "Satans gesamtes Weltreich der falschen Religion" (Suche 1990, 369). Die gesamte Christenheit wird als "Bereich sektiererischer Tätigkeit von Religionsgemeinschaften, die behaupten, christliche zu sein" eingestuft (ebd., 235). "Kein treuer Anbeter Jehovas wird sich an interkonfessionellen Aktivitäten beteiligen, indem er an der Anbetung verschiedener Religionen teilnimmt oder geistige Gemeinschaft mit irgendeinem Teil Babylons der Großen hat" (Erkenntnis 1995, 125). Der Exklusivitätsanspruch der Zeugen Jehovas besteht damit zu einem guten Teil aus einer Kontroverseinstellung zur religiösen Umwelt.
Um dem Nonkonformismus der Zeugen Jehovas ein öffentliches Ansehen zu geben, macht die Wachtturm-Gesellschaft seit Mitte der 1990er Jahre in einer Wanderausstellung auf die Bibelforscher als die vergessenen Opfer der NS-Zeit aufmerksam. Hier wird das unleugbare Unrecht der Verfolgung aufgezeigt. Parallel dazu ist zu beobachten, dass die Organisation tiefgehende Änderungen im Bibelverständnis vornimmt, um dem Sektenvorwurf zu entgegnen und um als religiöse Gemeinschaft eine gesetzliche Anerkennung zu erlangen. Zweifel am pädagogischen Sinn der Ausstellung bestehen auch: "Die couragierte Haltung der Zeugen Jehovas...(eignet sich) als Leitbild in einer demokratisch verfassten Gesellschaft nur bedingt. Ihr Handlungsmotiv war die Loyalität zur Theokratie, nicht die Wiedererlangung von Freiheit und Demokratie." (Garbe 1999, 28).

Literatur

  • Garbe, Detlef; Glaubensgehorsam und Märtyrergesinnung. Die Verfolgung der Zeugen
    Jehovas im "Dritten Reich" zwischen Aktion und Reaktion, in: EZW-Texte Nr. 145/1999, 2-34;
  • Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen. Orientierung im religiösen
    Pluralismus. Hgg. H. Baer, H. Gasper, J. Müller, J. Sinabell, Freiburg 2005;
  • Mischitz, Wolfgang; Jehovas Zeugen und ihre Umwelt. Zwischen Aneignung und Abwehr.
    Werkmappe Nr. 86/2000;

Wachtturm Bibel- und Traktat-Gesellschaft (Hg.), Selters/Taunus:

  • Erkenntnis, die zu ewigem Leben führt (1995);
  • Erwachet!, Zeitschrift (monatlich);
  • Neue-Welt-Übersetzung der Heiligen Schrift - mit Studienverweisen (1986);
  • Die Suche der Menschheit nach Gott (1990);
  • Der Wachtturm verkündigt Jehovas Königreich, Zeitschrift (vierzehntägig).

(Wolfgang Mischitz)




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