Das lateinische Wort „secta“ bedeutet „Partei“ und benennt eine Gemeinschaft, die sich zu einer bestimmten Überzeugung verpflichtet. Diese kann im Gegensatz zur allgemeinen Überzeugung oder zu anderen Meinungen stehen. Das Wort Sekte leitet sich vom lateinischen Verb „sequi“ - (nach-)folgen - ab.
Es entspricht dem griechischen Wort „hairesis“, das „Wahl“ bedeutet. Damit ist die Übereinstimmung mit einem philosophischen Lehrer, mit einer bestimmten Lehrmeinung und mit einer entsprechenden Lebensweise gemeint. Das eklektische Auswählen (aus mehreren Meinungen) wird unterschieden von der Häresie (die ausschließlich eine Position vertritt)
In den (paulinischen) Briefen werden die innerkirchlichen Meinungsverschiedenheiten, die die junge Gemeinde zu zerbrechen drohen, negativ als Irrlehren bewertet. In der Apostelgeschichte wird neutral im Sinn von ‚Partei‘ gesprochen.
Nach der Legalisierung des Christentums und der Erhebung zur Staatsreligion im 4. Jahrh. bleibt das antike Frevel-Verbot in Kraft. Häresie wird zu einer folgenschweren, rechtsrelevanten Verfehlung. Zur Unterscheidung wird der mildere Begriff „Schisma“, (=Riss), eingeführt. „Häretiker verletzen, indem sie von Gott Falsches denken, den Glauben selbst; die Schismatiker trennen sich durch Feindseligkeit von der brüderlichen Liebe ab, wenn sie auch das glauben, was wir glauben“ (Augustinus). Der Begriff Sekte wird als allgemeiner Überbegriff verwendet.
Die Ketzerei hat einen zweifachen Bedeutungsgehalt: einerseits spricht sie „die Verteidigung von gottlosen Meinungen“ an, wie z.B. Manichäismus, Gnosis oder anderer Häresien; andererseits benennt sie auch eine „innerkirchliche Bewegung, die den kirchlichen Autoritäten den Gehorsam verweigert“.
Der Unterschied zwischen einer Sekte und einem kirchlich anerkannten „Orden“ wird im Mittelalter an der Loyalität zum Papst festgemacht.Luthers deutsche Bibelübersetzung bleibt der Überlieferung treu: in der
Apostelgeschichte verwendet er konsequent den Begriff Sekte, in den
paulinischen Briefen verwendet er den Ausdruck „Rotte“, eine ungeordnete
Bewegung.
Nach der Legalisierung von drei Konfessionen im Westfälischen Frieden 1648,
meint Sekte eine christliche Gemeinschaft ohne reichsrechtliche
Legitimation. Eine Sekte steht damit außerhalb der kirchlichen und
staatlichen Ordnung
Nach Gottfried Wilhelm Leibniz (1646-1716) behindern Sekten die Wahrheit und den Fortschritt durch das, was sie verneinen. Daher sollte jeder Wahrheitsliebende von Sekten Abschied nehmen. Der frei philosophierende Denker wird zum Vorbild. Seit 1800 ist in der deutschen Philosophie der Begriff Sekte nicht mehr in Verwendung.
Die „Religionsgesellschaft“ wird als Rechtsbezeichnung neben dem Begriff Kirche eingeführt. Den „sogenannten Sekten“ wird damit der Weg zu einer öffentlich-rechtlichen Gleichstellung eröffnet. Sekte meint immer weniger, eine religiöse Gemeinschaft ohne rechtliche Anerkennung zu sein.
Im Unterschied zu einer traditionellen Herkunftsreligion, in die
der Mensch hineingeboren wird, wird eine alternative Religionsform, der man
sich nur durch Bekehrung anschließen kann, im Rahmen der
Religionswissenschaft als Sekte bezeichnet.
„Eine Sekte ist ein voluntaristischer Verband ausschließlich der Idee nach
religiös-ethisch Qualifizierter, in den man freiwillig eintritt, wenn man
freiwillig kraft religiöser Bewährung Aufnahme findet“ (Max Weber).
Eine „kulturelle Sekte“ bezeichnet keine Häresie, sondern eine
Organisationsweise:
eine Gemeinschaft, die mit der umgebenden Gesellschaft auf gespanntem Fuß
steht, sich gegen sie abschirmt und hohe Ansprüche an die Loyalität und
Solidarität ihrer Mitglieder stellt. Der feste Entschluss, auf kognitiver
Abweichung zu bestehen, ist gleichbedeutend mit dem Entschluss zu
sektiererischer gesellschaftlicher Organisationsweise (Peter L. Berger).
Im Rahmen der Religionsforschung sind Sekten Gemeinschaften, die sich auf eine Stifterin oder einen Stifter berufen, auf die Erneuerung einer altbekannten religiösen Tradition setzen und im Laufe der Zeit eine eigenständige religiöse Bewegung oder eine Reformreligion bilden.
Der Sekten-Begriff wird heute kaum mehr
als Problemanzeige verwendet. Im theologischen und soziologischen Bereich
werden damit grundsätzlich der religiöse Gehalt und der soziale Charakter
einer Bewegung festgehalten. Die Bezeichnung Sekte hat also auch eine
anerkennende Dimension.
Die Problemanzeige, die mit dem Begriff verknüpft ist, wird heute im
individuellen Bereich gesehen. Es gibt eine „Sektenhörigkeit“ (Michael Lukas
Moeller), die nicht in der Vereinnahmung durch eine Gruppe besteht, sondern
vor allem im engen Meister-Schüler-Verhältnis – einer Zweierbeziehung mit
stärkstem Gefälle.
Im Bereich der Rechtssprechung erlangt das Wort Sekte die Bedeutung von Rufschädigung. Es verschärft sich aber auch die Aufmerksamkeit
auf den Missbrauch der staatlich geschützten Religionsfreiheit.
Sekte wird auch als Signalwort verwendet. Die Massenmedien
transportieren mit dem Sektenthema neben Informationen auch zusätzliche
Ängste und Bedrohungspotentiale.
Als Erfahrungsurteil („ich war in einer Sekte“) benennt der Begriff
Konflikte und Entscheidungssituationen, die mit negativ erfahrener
Religiosität zusammen hängen und die Hilfesuchende zu Beratung und
Bekenntnis bewegen.
Im Gefolge aufsehenerregender Massen(selbst)morde beschäftigt auch die
Frage, wie der und die einzelne StaatsbürgerIn vor einem Missbrauch der
Religionsfreiheit durch unmenschliche Führungspersönlichkeiten geschützt
werden können.
Sekte meint im angloamerikanischen, protestantischen Raum kein strenges Gegenüber zu einer sich abgrenzenden Konfession, sondern im Sinne von „Denomination“, ein sichtbarer Zweig, der zum Baum der Kirche Christi dazu gehört. Eine Sekte ist eine (kleine) selbstständige christliche Sondergemeinschaft. Nichtchristliche Gemeinschaften werden „Kulte“ genannt.
Auch der Islam kennt innere Fraktionsbildungen, die sich
bereits nach dem Tode des Propheten entweder aus der Kalifatsfrage oder den
verschiedenen Rechtsschulen gebildet haben. Oft bestimmt die Mehrheit oder
die geschichtlichen Gegebenheiten, wer im konkreten Fall als Sekte, arabisch
„fariq“, eingestuft wird.
Es gibt keine dogmatischen Merkmale zur Beurteilung einer Häresie, sieht man
im bewussten Abfall von der islamischen Glaubensgemeinschaft ab. Die Bildung
sogenannter neuer Religionen, wie z.B. der Baha’i, ist eine Folge dieser
Ausgrenzung.
Artikel "Sekte" aus:
Handbuch religionswissenschaftlicher Grundbegriffe (HrwG). Band 5. Stuttgart 2001, S. 56-59 (G. Kehrer);
Historisches Wörterbuch der Philosophie. Band 9. Darmstadt 1995, Spp. 274-287 (W. Schröder/u.a.);
Lexikon für Theologie und Kirche (LThK). Band 9. Freiburg 2000, Spp. 412-417 (H.J. Urban/u.a.);
Lexikon neureligiöser Gruppen, Szenen und Weltanschauungen. Freiburg 2005, Spp. 1189-1200 (F. Valentin/H. Gasper).
(Wolfgang Mischitz)