Anthroposophische Gesellschaft

Rudolf Steiner

Die Anthroposophie ist durch den Altösterreicher Rudolf Steiner (1861-1925) stark geprägt. Steiner, in Kraljevec geboren, besucht die Realschule in Wr. Neustadt und studiert in Wien Technik. Während dieser Zeit lernt er den Literaturprofessor Karl Julius Schröer kennen, der in für das Werk Goethes zu interessieren beginnt.
Noch vor Beendigung seines Technikstudiums wird Steiner an das Goethe-Archiv nach Weimar berufen. 1890 promoviert er an der Philosophischen Fakultät der Universität Rostock. Er lernt seine erste Frau Eunike kennen.
Durch Marie von Sivers, die er später auch heiratet, kommt er in Kontakt mit der Theosophie und den sog. theosophischen Gesellschaften. 1902 wird er Leiter der deutschen Abteilung der Adyar-Theosophischen Gesellschaft. Allerdings besteht von Anfang an ein prinzipieller Unterschied zwischen den Lehren Steiners und der Theosophie von Blavatsky und Besant. Zur Ablöse kommt es dann doch wegen seiner bereits ursprünglich geäußerten Kritik an der für ihn zu engen Bindung an ostasiatische Traditionen. Den endgültigen Trennungsschnitt setzt schließlich die Tatsache, als Annie Besant verkündet, dass im Hinduknaben Krishnamurti eine Reinkarnation Christi stattgefunden habe.
Da Steiner dies nicht mitträgt, wird er ausgeschlossen und gründet zur Jahreswende 1912/13 die "Anthroposophische Gesellschaft". Als weltweites Zentrum wird in Dornach bei Basel das Goetheanum errichtet. Dieser Bau fällt in der Silvesternacht 1922/23 einem Brandanschlag zum Opfer und wird erst drei Jahre nach Steiners Tod wiederaufgebaut.
1919 gründet er die erste Waldorfschule. Wenig später kommt es zur Entwicklung der anthroposophischen Medizin zusammen mit der Ärztin Ita Wegmann, und schließlich zur Beschäftigung mit dem biologisch-dynamischen Landbau und einer eigenen Heilpädagogik für "seelenpflege-bedürftige" Kinder.
Steiner spielt auch noch eine wichtige Rolle bei der Formulierung der Texte für das Glaubensbekenntnis und die Gottesdienste der 1922 gegründeten "Christengemeinschaft" Diese Texte gelten als "unmittelbar aus der geistigen Welt vermittelt".
Als Steiner am 30 März 1925 in Dornach stirbt, wird er bei der Einäscherung als "Gottesfreund" und "Menschheitsführer" bezeichnet.

Die Lehre

Die Anthroposophie möchte eine "Öffnung der Tore zu einer übersinnlichen Welt" sein. Der Mensch ist aus Geistigem hervorgegangen und kehrt in ferner Zukunft wieder in ein bloß geistiges Dasein zurück. Diese Wahrnehmung bleibt aber dem Glauben überlassen. Steiner selbst wehrte sich dagegen, als Religionsstifter oder Sektengründer bezeichnet zu werden: "Anthroposophie kann, indem sie auf den Grundlagen der Erkenntnis steht, nichts Sektiererisches an sich haben und auch keine neue Religion stiften". Die Anthroposophie steht aber über dem Glauben, weil sie ein Wissen hat, an das sich der Glaube nur anlehnen könne.
Steiner behauptet von sich, in der "Akasha-Chronik" (in Anlehnung an das Sanskrit-Wort "Akasha", was soviel wie Lebensäther oder leerer Raum bedeutet) gelesen zu haben. Diese Weltenchronik enthält eine Deutung des Kosmos und der menschlichen Zukunft und kann nur von Eingeweihten entziffert werden. Steiner sagt, er müsse darüber schweigen; jeder, die über derartige Quellen etwas weiß, wüsste auch warum.

Die Welt

Soviel gibt er aber preis, dass die Welt in einen ständig fortschreitenden Prozess eingebunden sei, und die gegenwärtige Welt ein Teil einer sich ständig entwickelnden Seinsform sei. Er spricht von sieben Phasen, den planetarischen Bewusstseinsstufen: Saturn, Sonne, Mond, Erde, Jupiter, Venus und Vulkan. Im Saturnzustand entstand Wärme, im nachfolgenden Sonnenzustand Luft und Licht, im Mondzustand Wasser. Dabei seien jedoch die drei Planeten noch nicht getrennt gewesen. Auch die Erde selbst habe diese drei anderen Formen gehabt. Die Entwicklung des Menschen beginnt mit dem Saturnzustand. Die Entwicklung des Ichs setzt in der Phase des Erdenzustandes ein. Schließlich gäbe es noch sieben verschiedene Zeiten und sieben Kulturepochen.

Der Mensch

Der Mensch lebt nicht bloß zwischen Geburt und Tod auf Erden, sondern auch zwischen Tod und einer neuen Geburt in einer höheren geistigen Ebene. Jede Geburt stellt somit eine Rückkehr aus der geistigen Welt dar, und jeder Tod ist eine Wiederkehr dorthin. Im Laufe dieses Kreislaufs entfaltet sich der Mensch zu immer höheren Stufen seiner Selbstwerdung. Das Bindeglied zwischen diesen Phasen ist das Karma als geistiger Extrakt des jeweiligen Lebens. Der Mensch besteht aus einem physischen Leib, einem Ätherleib, einem Astralleib und einem "Ich".
Über diesen vier unteren Gliedern der Menschennatur erheben sich die drei `höheren´ Glieder Geistselbst (planetarische Verkörperung = Jupiter), Lebensgeist (planetarische Verkörperung = Venuszustand) und Geistes- mensch (planetarische Verkörperung =Vulkanzustand) . Diese drei entstehen, indem das Ich die ersten drei Körperglieder durchgeistet: Das Geistselbst ist der durchgeistete Astralleib, der Lebensgeist der durchgeistete Ätherleib und der Geistesmensch als durchgeisteter physischer Leib und höchste Vollendung der Spiritualisierung der Materie.
Im Tod trennen sich Ätherleib, Astralleib und "Ich" vom physischem Leib, der als Leichnam zurückbleibt. Dann trennen sich Ätherleib, Astralleib vom "Ich". Das "Ich" betritt das Devachan und wird in seiner Entwicklung weitergebildet und auf eine neuerliche Inkarnation vorbereitet.

Christus

Die höchste Form des Ichs ist die des Christus. Sie steht laut Steiner sogar über Jahwe, der als Vorbereiter und "Reflektor des Christus-Lichts" gesehen wird. Jesus selbst durchschritt den "Einweihungsweg" erst mit der Taufe im Jordan und nicht mit seiner Geburt. Bei dieser Taufe verließ das Ich Jesu den früheren Leib zugunsten des göttlichen Christuswesens. Beim Tod Jesu wurde die Erde zu ihrem wahren Leib, weil das "Wesen Christi auf ihr ausgegossen wurde". So fand durch das "Mysterium von Golgotha" eine wesensmäßige Ich-Entwicklung statt.
Auf seinem Weg zum Christusmysterium gelangt der Mensch zu Selbständigkeit und Freiheit. Er kann allerdings auch die Verbundenheit zum All verlieren. Das Ich kann nur in der Auseinandersetzung mit der physischen Welt wachsen.

Waldorf-Pädagogik

Steiner spricht auch in diesem Zusammenhang vom "richtigen Einstellen auf das Mysterium von Golgotha". In den Unterricht soll das einfließen, wonach "der Mensch lechzt: das Ergreifen des Göttlichen in Natur und Geschichte". Es geht also um die Forderung, den Unterricht auf das anthroposophische Christusverständnis hin auszurichten. Steiner fordert vom Lehrer, dass dieser alles Unterrichten als "religiöse Tat", als eine "Art Gottesdienst" versteht. "Ohne diese Weihe" könne man nicht unterrichten. Lehrer und Schüler sind Teil eines "kosmischen Führungssystems" und eines "pädagogischen Schamanentums", das sich vom Lehrer über die Eltern, den "Seelenführer" oder Guru der "esoterischen Schulung" der besonders Eingeweihten bis hin zu den "Geistwesen", den Engeln und Erzengeln, erstreckt, die die Seele bis zu ihrer Wiederverkörperung durch die "geistige Welt" leiten, formuliert Steiner. Es gibt weltweit heute über 550 Schulen mit rund 70.000 Schülern.
Die anthroposophische Heilkunst hat eine eigene, von der üblichen Homöopathie zu unterscheidende Form entwickelt, der die Lehre von den vier Wesensgliedern des Menschen (siehe oben) zugrunde liegt. Sie durchwirken das Kopf-, Brust- und Gliedmaßensystem, das in Wechselwirkung zum Denken, Fühlen und Wollen steht.
Der biologisch-dynamische Landbau schließt eine geistige Einwirkung auf das Pflanzenwachstum und das Verhalten von Tieren nicht aus. Es handelt sich um eine Art Homöopathie des Bodens. Im Gegensatz zu Kunstdünger, der ein verstärktes Wachstum bewirkt, geht es hier um die Gesundung und Verlebendigung des Bodens. Durch spezielle, stark verdünnte Präparate sollen die Selbstheilungskraft des Bodens und seine Lebenskräfte aktiviert werden. Die darauf geernteten "Naturheilmittel" stoßen bei weiten Bevölkerungskreisen auf große Zustimmung. Eine Rolle spielt dabei auch das Bependeln sowie die Abwehr von "gefährlichen Erdstrahlen", obwohl dies mit anthroposophischen Heilmitteln nichts zu tun hat. Diese werden bei ihrer Herstellung rhythmisch geschüttelt und nach den Mondrhythmen geerntet. Unter dem Warenzeichen "Demeter" finden die Produkte der ca 1.000 Betriebe weltweiten Absatz.

Anmerkungen

Quellenangabe:
R. Steiner, Die Philosophie der Freiheit, Grundzüge einer modernen Weltanschauung. Dornach 1985,
R. Steiner, Die Wirklichkeit der höheren Welten, Dornach 1981,
R.Steiner, Allgem.Menschenkunde als Grundlage der Pädagogik,
E.A.K. Stockmeyer, Rudolf Steiners Lehrplan für die Waldorfschule, Stuttgart 1967,
H.J.Ruppert, Heilung für die Erde, der biologisch-dynamische Landbau , 1983, C.Schanze, die anthroposophische Medizin, Naturheilpraxis 3/1984.

(Bernhard Dobrowsky)

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